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Müdigkeit im Straßenverkehr
Prof. Dr. Jürgen Zulley, Dipl. Psych. Roland Popp
Schlafmedizinisches Zentrum der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität am Bezirksklinikum, Regensburg
Einschlafen am Steuer ist ein völlig unterschätztes Risiko. Nach einer Studie in Bayern waren 25 % der schweren Verkehrsunfälle auf Autobahnen auf Einschlafen am Steuer zurückzuführen und insgesamt ist die weitergefasste Zahl übermüdungsbedingter Unfälle auf über 50 % anzusetzen. Eine britische Studie, in der 4621 männliche Lkw- und Pkw-Fahrer befragt wurden, zeigte, dass 29 % der Fahrer angaben, im Laufe des letzten Jahres am Steuer beinahe eingeschlafen zu sein. Weitere Untersuchungen ergaben, dass 20 – 25 % der Unfälle auf Einschlafen während des Autofahrens zurückzuführen sei. Zudem beschrieb die bayerische wie auch die britische Studie zwei Gipfel zwischen 2.00 Uhr und 6.00 Uhr morgens, wie auch zwischen 15.00 Uhr und 16.00 Uhr nachmittags, bei denen es am häufigsten zu Unfällen kam. In Übereinstimmung mit den Ergebnissen aus der Chronobiologie ist zu diesen Zeitpunkten zirkadian bedingt die Schläfrigkeit am höchsten und die Alertness herabgesetzt.
Weitere Faktoren, die die Müdigkeit bedingen, sind Fahrtdauer, Schlafdefizit, mögliche Schlafstörungen, Medikamente und situative Faktoren. Zu letzterem gehören vor allem monotone Bedingungen, wie sie beim Fahren auf längeren Strecken, vor allem Autobahnen, auftreten können.
Von großem Interesse, sowohl wissenschaftlich, wie auch juristisch ist die Frage, ob Müdigkeit subjektiv wahrnehmbar ist. Verschiedene Studien zeigen, dass die Müdigkeit nicht schlagartig einsetzt, sondern dass sie ein Prozess ist, dessen Entwicklung für den Betroffenen durchaus vorhersehbar ist.
Welche Gegenmaßnahmen bei Müdigkeit möglich und effektiv sind, soll abschließend besprochen werden.
Biologische Rhythmen
Die meisten Lebensfunktionen des Menschen sind durch einen rhythmischen Verlauf gekennzeichnet. Beispielhaft seien der Pulsschlag, der Schlaf und der Menstrualzyklus der Frau genannt. Aus den vielen Funktionen lässt sich ein Spektrum verschiedener Periodenlängen zusammenstellen, die von Bruchteilen von Sekunden (Nervensystem) bis zu einem Jahr reichen (Gewebeveränderungen) reichen. Die meisten dieser Veränderungen stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit Veränderungen in der Umwelt. Periodische Wechsel in der Umwelt sind neben den tagesperiodischen (zirkadianen) Änderungen, der Gezeitenwechsel, der Mondwechsel und der Jahreswechsel. Für den Menschen sind die Änderungen über den Tag von besonderer Relevanz. Durch den 24-Stunden Tag, der durch die Erdrotation vorgegeben wird, sind wir ständig rhythmischen Veränderungen ausgesetzt. Dieser natürliche „Zeitmesser“ erlaubt es dem Menschen, Abläufe vorherzusagen und sich zunutze zu machen. Der menschliche Organismus hat sich diesen regelmäßigen Änderungen der Umwelt angepasst. Diese Einordnung an das äußere Zeitprogramm besteht in der Entwicklung biologischer, dem Organismus innewohnender Zeitprogramme, die denen der Umwelt entsprechen. Dieser Betrachtungsweise hat sich der Forschungsbereich der Chronobiologie mit der Untersuchung des zeitlichen Verlaufs biologischer Funktionen und im Besonderen deren periodisches Verhalten gewidmet. An allen Lebewesen konnten sich tagesperiodische Prozesse nachweisen lassen.
Das Mittagstief
Neben dem 24-stündigen Wechsel ist der menschliche Organismus weiteren zeitlichen Änderungen ausgesetzt, was sich in regelmäßigen mehrfachen Veränderungen vieler Funktion über den Tag hinweg, ausdrückt. Physiologische Variablen wie Körpertemperatur und orthostatische Kreislaufreaktion, psychologische Messgrößen wie subjektive Wachheit und Leistungsfähigkeit und das Schlaf-Wach Verhalten sind hiervon betroffen. Beispielsweise zeigt sich in der Leistungsfähigkeit nach einem morgendlichen Hoch gegen 13.00 bis 14.00 ein deutliches Tief. Der spätere Nachmittag ist gekennzeichnet durch ein Hoch, welches dann in das nächtliche Tief übergeht. Auch die Aktivitätsmenge, die Konzentrationsfähigkeit und die Kreislaufstabilität zeigen ein klares Tief um die Mittagszeit. In weiteren Untersuchungen konnte bestätigt werden, dass es sich hierbei um ein inhärentes Zeitprogramm des Organismus handelt, welches neben der dominierenden 24-Stunden Periodik auch noch eine 12-Stunden. Periodik aufweist. Diese Schwankungen werden nicht durch äußere Ereignisse wie beispielsweise Mahlzeiteneinnahme erzeugt, können aber durch diese verstärkt werden. Die „Tiefs“ können als optimaler Zeitpunkt für die Mahlzeiteneinnahme angesehen werden, da es sich hier eine biologisch vorprogrammierte Ruhephase handelt, die als optimal für Verdauungsfunktionen anzusehen ist. Die vorhandenen interindividuellen Unterschiede im Auftreten dieser Zeitpunkte sind relativ klein im Vergleich zu der gesamten Periodik.
Anpassung der Rhythmen
Die endogenen Rhythmen müssen durch äußere Reize auf den 24-Stunden Tag abgestimmt werden. Für den Menschen hat sich als wesentlicher Zeitgeber Licht von einer Intensität größer als 2500 Lux erwiesen. Dies bedeutet, dass der, durch die natürliche Abfolge von Tag und Nacht erzeugte Hell-Dunkel Wechsel verantwortlich ist für die Synchronisation auf 24 Stunden. Neben dieser Einflussgröße sind als weitere wichtiger Zeitgeber noch soziale Kontakte, Aktivität und der Zeitpunkt der Mahlzeiten anzusehen. Fehlen die Zeitgeber oder sind sie zu schwach, so besteht die Gefahr, dass die optimale Phasenbeziehung nicht eingehalten werden kann oder dass Funktionen auseinanderlaufen (desynchronisieren). In Untersuchungen hat sich gezeigt, dass solche zeitlich fehlangepassten Zustände zu Störungen im Gesamtbild des Menschen führen können. Passten sich Versuchspersonen mit ihrem Schlafen und Wachen nicht an die, vom zirkadianen System vorgegebene Zeit an, so kam es zu Schlafstörungen, wenn zur „falschen“ Zeit versucht wurde zu schlafen und Stimmungs- und Vigilanzverschlechterungen an den Tagen, wo sie zur „falschen Zeit“ wach waren. Einen solchen, durch die Lebensbedingungen erzwungenen Zustand im Alltag erleben vor allem Schichtarbeiter, aber auch Reisende nach Zeitzonenflügen (jet-lag) und nach Veränderungen des gewohnten Tagesablaufes (längere Reisen, Nachtfahrten).
Der Schlaf
Der Schlaf findet überwiegend in Zeiträumen statt, die von der zirkadianen Periodik vorgegeben werden. Dies ist der Zeitraum um das zirkadiane Temperaturminimum ( nachts gegen 3.00 bis 4.00 Uhr). Viele andere Funktionen zeigen hier, wie bereits oben beschrieben, ebenfalls Maximal- bzw. Minimalwerte. Dies betrifft z. B. den Zeitpunkt geringster Konzentrationsfähigkeit, Befindlichkeitsverschlechterung, erhöhter Kreislauflabilität und verstärkter Schmerzwahrnehmung. Der zeitliche Zusammenhang dieser Verläufe lässt sich beschreiben als ein Überbrücken eines Zeitraums ausgeprägter Funktionsineffektivität und Labilität der verschiedenen Organsysteme mit Schlaf. Der normalen Aktivität antagonistisch arbeitende Funktionen können dann zu diesem Zeitpunkt maximal tätig sein (Verdauungsfunktionen, Hormonausschüttungen). Hierin könnte eine der Funktionen des Schlafes liegen: Überbrückung eines Zeitraumes, der für die Interaktion mit der Umwelt ineffektiv ist und gleichzeitig die Möglichkeit zur Aktivierung von Funktionen, die mit motorischer Aktivität inkompatibel sind.
Der Autofahrer
Bei längeren Autofahrten ist die Konzentrationsfähigkeit über einen längeren Zeitraum erforderlich, wobei auf die biologischen Tiefs keine Rücksicht genommen wird. So ist es alles andere als verwunderlich, dass infolge der Nichtbeachtung der Rhythmen die Verkehrsunfälle zunehmen. Die Mehrzahl der schweren Verkehrsunfälle auf Autobahnen wird durch Einschlafen am Steuer verursacht. Der Zeitpunkt dieser Unfälle zeigt eine deutliche Tagesverteilung mit Spitzenwerten in den frühen Morgenstunden sowie nachmittags gegen 14.00 Uhr. Diese Zeitpunkte entsprechen den biologischen “Tiefs”. Die Unfälle sind die Folge davon, dass versucht wurde, über das “Tief” hinweg zu funktionieren. Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die Zusammenhänge zwischen Fehlern, Tageszeit und Müdigkeit aufdecken, sind nicht neu. Aber sie haben bisher wenig Beachtung gefunden. Dies mag daran liegen, dass sie meistens unkritisch unter dem Begriff „menschliches Versagen“ eingeordnet wurden und somit als eher „schicksalshaft“ und damit unbeeinflussbar hingenommen wurden. Weiterhin fehlte wohl ein Überblick über die tatsächliche Häufigkeit, mit der diese Ursachen Fehler verursachen. Hierzu zählt sicher auch, dass im Sinne eines „Vorurteils“, Übermüdung als Ursache unterschätzt wurde wie die im Folgenden aufgeführte Studie über Autobahnunfälle ergab. Befragungen der Polizei unmittelbar nach dem Unfall ergaben, dass 8% der Unfälle auf Übermüdung zurückzuführen. Die sorgfältige Analyse einer Expertenkommission kam auf einen wesentlich höheren Anteil. Die häufigste Einzelursache dieser Unfälle war “Einschlafen am Steuer” mit 24% aller schweren Autobahnunfälle. Die tatsächliche Zahl einschlafbedingter Unfälle dürfte höher liegen, da zwischen Müdigkeit und tatsächlichem Einschlafen schwer zu unterscheiden ist. Im weitesten Sinne lassen sich fast 2/3 aller untersuchten Unfälle mit einer verringerten Aufmerksamkeit erklären.
Die weitere Analyse ergab einen deutlichen Alterseffekt. Ältere Fahrer verursachten einschlafbedingt häufiger schwere Unfälle tagsüber, während jüngere Fahrer mehr für die Nachtunfälle verantwortlich waren. Die Gipfel der Unfälle älterer Fahrer lag etwa bei 18.00 Uhr, das Maximum der Unfälle jüngerer Fahrer gegen 6.00 Uhr. In den Altersunterschieden drückt sich möglicherweise der höhere nächtliche Schlafdruck jüngerer Fahrer aus, wie auch die verringerte tagesperiodische Verteilung des Schlafdrucks bei den älteren Fahrern mit reduziertem nächtlichen Schlafbedürfnis.
Die Daten zeigen neben der Wirkung der biologischen Rhythmik, den großen Einfluss monotoner Bedingungen auf die Verursachung der schweren Unfälle auf den Autobahnen. Schon die eingangs erwähnten Ergebnisse über die Wirkung von Ermüdung auf die Leistung wiesen darauf hin, daß sich gerade unter sogenannten monotonen Bedingungen, Müdigkeit sehr viel stärker auf Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit auswirkt.
Weitere Faktoren, die hier maßgeblich sind, betreffen Schlafdefizit und mögliche Schlafstörungen. Störungen des Schlafes führen zu einem Schlafdefizit mit verminderter Leistungsfähigkeit am Tage. Bei einigen Formen von Schlafstörungen muss dem Betroffenen nicht bewusst sein, dass es eine Störung des nächtlichen Schlafes ist, die zu seiner erhöhten Tagesmüdigkeit führt. Hierzu zählt vor allem die Schlaf-Apnoe und das Restless-Legs-Syndrom. Subjektiv erkennbar sollte aber die erhöhte Müdigkeit am Tage vor allem in monotonen Situationen sein.
Die subjektive Wahrnehmung des Einschlafens ist noch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Der Einschlafprozess ist kein punktueller Vorgang, sondern ein Kontinuum, welches eine exakte Definition, ab wann jemand schläft, nicht zulässt. Hier lassen sich nur Veränderungen auf verschiedenen Ebenen beschreiben. Wichtig bleibt anzumerken, dass es vor dem eigentlichen Einschlafen zu deutlicher Leistungsminderung kommt, die für das Autofahren von Bedeutung sein kann. Anfänglich stellt sich eine Leistungsverminderung vor allem der Daueraufmerksamkeit ein, die häufig nicht erkannt wird. Verzögerte Reaktionen, körperliche Schwere, wie auch zunehmende Probleme beim Fokussieren oder Doppelbilder können auftreten. Bei Symptomen wie Augenbrennen, Schwere der Augenlider ist die Müdigkeit bereits sehr weit fortgeschritten. Bei Schwierigkeiten, die Fahrspur einzuhalten, befinden wir uns bereits in einem extremen Zustand der Müdigkeit.
Versuche, Müdigkeit objektiv zu erfassen, gibt es bereits seit einiger Zeit. Vor allem aus den USA wurden Verfahren vorgestellt, die vor allem Veränderungen des Augenlids (Größe der geöffneten Pupille) oder Frequenz des Lidschlusses messen. Auch die Veränderungen der Pupillengröße wird erfasst. Allen Verfahren ist gemeinsam, dass sie keine Aussage darüber machen können, ob die betreffende Person zu müde zum Autofahren ist. Möglicherweise sind Verfahren, die die tatsächliche Reaktionsfähigkeit über längere Zeit unter monotonen Situationen erfassen, besser geeignet zur Feststellung der Müdigkeit, als Messungen der physiologischen Veränderungen.
Gegenmaßnahmen bei Müdigkeit am Steuer
Häufig wird der Beginn einer Autofahrt in die Abend- oder Nachtstunden gelegt, um der hohen Verkehrsdichte während des Tages auszuweichen. Hierdurch setzt sich der Fahrer aber der Gefahr aus, über sein biologisches Tief hinweg zu fahren. Er meint also, einer Gefahr auszuweichen (Verkehrsdichte), begibt sich aber dabei in ein viel größeres Risiko (toter Punkt) wie die oben erwähnten Untersuchungen zeigen. Aus diesem Grunde ist von Nachtfahrten abzuraten, gerade bei jüngeren Fahrern.
Grundsätzlich ist es wichtig, ob am Tage oder in der Nacht, auf die Bedeutung von Pausen hinzuweisen. Bereits kurze Nickerchen (z.B. 10 Minuten), die im Auto auf dem Rastplatz gehalten werden, zeigen einen deutlichen Erholungswert. Dieser Erholungsschlaf muss aber zum Zeitpunkt der beginnenden Müdigkeit genommen werden und nicht erst dann, wenn der Fahrplan eine Pause zulässt.
Bei Müdigkeit wird häufig auf aktivierende und stimulierende Maßnahmen zurückgegriffen, um einer erhöhten Schläfrigkeit entgegenwirken zu können. Im Folgenden werden stimulierende Maßnahmen vorgestellt, die meist zu einer Erhöhung des Arousal-Niveaus führen und dadurch schläfrigkeitsbedingte Leistungseinbußen bekämpfen sollen. Diese modulierenden Einflussfaktoren auf die Tagesschläfrigkeit umfassen pharmakologische Stimulanzien, Licht, Temperatur und Duftstoffe. Einigen dieser Faktoren wird keine im engeren Sinne spezifische Arousal-Funktion zugeschrieben, jedoch zeigen viele Studien, dass diese das Erregungsniveau, vor allem nach Schlafentzug und unter monotonen Bedingungen, deutlich modifizieren können.
Gegenmaßnahmen im Straßenverkehr
Gegenmaßnahmen Häufigkeit der Nennungen
Fenster öffnen, um frische Luft zu bekommen 68 %
Anhalten und einen Spaziergang machen 57 %
Radiohören 30 %
Mit dem Beifahrer sprechen 25 %
Kaffee trinken 14 %
Andere Maßnahmen 15 %
Reihenfolge der Gegenmaßnahmen, die von Kraftwagenfahrern als hilfreich bewertet wurden, Schläfrigkeit entgegenzuwirken. Mehrfachnennungen waren möglich.
Weiterhin wurde genannt: Singen, Essen, sich das Gesicht waschen, Coffein-Tabletten einnehmen oder den Sitz in eine aufrechte, aber unbequeme Stellung bringen.
Stimulierende pharmakologische Substanzen
Psychomotorisch stimulierende Wirkstoffe reduzieren die Schläfrigkeit und erhöhen das Arousalniveau wie auch den Grad der Wachheit (Alertness). Sie führen generell zu einer gesteigerten Aktivierung im Verhalten, vermindern das Gefühl von Müdigkeit und Erschöpfung und verbessern häufig die Leistung.
Nikotin
Nikotin wird häufig aufgrund seiner ambivalenten Wirkung, sowohl anregend wie auch beruhigend wirken zu können, konsumiert. In niedriger Dosierung hat Nikotin einen sedierenden und relaxierenden, im höheren Dosierungsbereich einen stimulierenden Effekt. Nikotin kann zu leichtgradigen Verbesserungen der kognitiven Leistungsfähigkeit führen.
Bei chronischen Rauchern findet sich ein erhöhter Wachanteil, wobei häufig die Schlaflatenz deutlich verlängert ist. Im höheren Dosisbereich kommt es zudem zu vermehrten Schlafstörungen in Form von Einschlafschwierigkeiten, nächtlichen Erwachen und Durchschlafproblemen. Dies kann auf der anderen Seite konsekutiv zu einer erhöhten Müdigkeit und Schläfrigkeit am Tage führen.
Hingegen soll Nikotin in niedrigeren Dosen zur Nacht eher relaxierend und sedierend wirken. Wird der Konsum von über 40 Zigaretten/Tag plötzlich eingestellt, führen Entzugssymptome zu Ein- und Durchschlafproblemen, Unruhe, Nervosität und Müdigkeit.
Koffein
Zu den am meist verbreiteten und am häufigsten in der Gesellschaft genutzten Stimulansmitteln gehört Koffein. Diese Stimulans ist nicht nur in Kaffee, sondern auch in Cola, Schokolade, Kakau und schwarzen/grünen Tee enthalten. Ebenfalls beinhalten viele der sogenannten „energy drinks“ und nicht verschreibungspflichtige Medikamente (z.B. in Schmerzmitteln oder Appetitzügler) nennenswerte Mengen an Koffein. Im Durchschnitt enthält eine Tasse normalen Kaffes 100 mg Koffein, bei stark gebrühten Kaffee können es bis zu 200 mg sein. Die Koffeinmenge für Tee und Cola-Getränke beträgt zwischen 50 mg und 75 mg.
Kleine Dosen an Koffein können zu einer Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit führen, höher Dosen hingegen beeinträchtigen die Leistung und den Schlaf. Koffein erhöht vorübergehend den Grad der Wachheit und unterdrückt Schläfrigkeit und Müdigkeit bei gesunden Personen. Die Halbwertzeit von Koffein beträgt in der Regel 3-7 Stunden, es lassen sich aber auch noch nach 8 bis 14 Stunden Langzeiteffekte beobachten. Daher kann der Konsum von Kaffee am Tag den Schlaf negativ beeinflussen. So verursacht Koffein in der Nacht häufig eine Reduktion des Tiefschlafanteils sowie der Gesamtschlafzeit und kann zu insomnischen Beschwerden führen. Personen reagieren interindividuell unterschiedlich auf Koffein und bereits eine Menge von 250 mg kann bei besonders sensiblen Personen zu einer deutlichen Überstimulation führen. Auf der anderen Seite können starke Kaffeetrinker auch eine Toleranz gegenüber der stimulierenden Wirkung von Koffein entwickeln.
Wie mehrere Studien zeigen, können durch die Einnahme von Koffein schläfrigkeitsbedingte Leistungseinbußen deutlich reduziert werden, wie sie etwa bei erschöpften Personen während Nachtschichtarbeit oder etwa im Mittagstief nach einer Mahlzeit auftreten.
In anwendungsbezogenen Studien wurde die Wirkung von Koffein auf die Leistung in Aufgaben untersucht, welche eher den alltäglichen Anforderungssituationen der Realität entsprechen. Britische Forscher untersuchten mit dem gleichen Versuchsparadigma systematisch die Wirkung von Koffein und anderen stimulierenden Faktoren auf die Fahrleistung in einem Fahrsimulator. So verbesserten 150 – 300 mg Koffein, wie auch kurze Schlafepisoden (Nickerchen oder „Naps“, die unter 15 Minuten lagen) deutlich die Fahrleistung, die subjektive Schläfrigkeit und das Wach-EEG hinsichtlich Müdigkeitsanzeichen. Beide Gegenmaßnahmen kombiniert zeigten sogar einen additiven positiven Effekt. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass Kaffee ebenfalls in realen Alltagssituationen eine stimulierende und leistungssteigernde Wirkung hat.
Auch der Verzehr eines Schokoriegels, der sowohl eine hohe Dosis von Glucose wie auch Koffein enthielt, zeigte eine Abnahme von Kollisionen mit der Seitenbegrenzung bei einer simulierten Fahraufgabe.
Engergy Drinks
Sogenannte „Engergy Drinks“ enthalten meist einen definierten Anteil von stimulierenden Substanzen wie etwa Koffein, Taurin oder Glucuronolactone und werben häufig mit einer vigilanzsteigernden und wachmachenden Wirkung. Auf der Grundlage der Ergebnisse folgerten die Autoren, dass sog. „Energy Drinks“ hilfreich sein können, der akuten Schläfrigkeit während längerer, monotoner Autofahrten am Nachmittag entgegenzuwirken, wenn Probanden zuvor unter einem moderaten Schlafdefizit litten.
Temperatur und akustische Reize im Fahrzeug
In einer britischen Studie, welche die Schläfrigkeit des Fahrers als Faktor für Lkw- und Pkw-Unfälle untersuchte, nannten die Fahrer folgende, häufig praktizierte Gegenmaßnahmen bei Schläfrigkeit im Fahrzeug: Frische Luft und Radio hören.
Jedoch liegt bislang erst eine experimentelle Laborstudie zur Wirksamkeit von kalter Luft und Radiohören vor, erhöhter Schläfrigkeit beim Autofahren entgegenzuwirken. Insgesamt zeigte sich, dass die bei Fahrern häufig verwendeten Gegenmaßnahmen lediglich eine leichte und nur eine kurzfristige Verbesserung der Fahrleistung brachte, wobei jedoch die stimulierende Wirkung, vor allem des Radiohörens, von den Fahrern deutlich überschätzt wurde.
Lärm
Laute Geräusche und Lärm beeinträchtigen normalerweise die kognitive Leistungsfähigkeit und das subjektive Wohlbefinden ausgeruhter und ausgeschlafener Personen. Jedoch ließen sich in einigen Schlafentzugs-Studien ein schwach ausgeprägter positiver Effekt auf die Leistung und die Stimmung bei schlafdeprivierte Probanden. Vermutlich steigern laute akustische Reize unspezifisch das Arousalniveau und wirken so einer erhöhten Schläfrigkeit entgegen.
Motorische Aktivität
Wenn Lkw- und Pkw-Fahrer Pausen einlegen, werden diese meist für einen kurzen Spaziergang oder für körperliche Bewegungen genutzt, da die Fahrer glauben, dass dies das beste Mittel gegen Schläfrigkeit und Müdigkeit am Steuer sei. Jedoch gibt es Befunde aus Laboruntersuchungen in denen gezeigt werden konnte, dass selbst eine vermehrte körperliche Aktivität nur eine sehr kurzfristig wachmachende Wirkung hatte. Die Befunde weisen insgesamt darauf hin, dass durch motorische Betätigung aufgrund des unmittelbaren Arousal-Effekts nur kurzfristige Leistungsverbesserungen erzielt werden können. Hinzu kommt, dass durch die physische Anstrengung zusätzlich körperliche Ermüdung provoziert wird.
Kaugummi – eine Sonderform motorischer Aktivität
Von eher anekdotenhafter Qualität sind Berichte von Lkw-Fahrern und Piloten, dass bei längeren Fahr- bzw. Flugzeiten Kaugummikauen gegen Schläfrigkeit helfen würde. Systematische Studien diesbezüglich fehlen jedoch.
Helles Licht
Licht spielt als Zeitgeber eine wesentliche Rolle für den zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmus. Deshalb wird Licht gezielt bei Jet Lag, Schichtarbeit und bei verschobenen Schlafphasen zu therapeutischen Zwecken eingesetzt, um den zirkadianen Rhythmus zu verschieben oder zu synchronisieren. Im Arbeitsbereich wird helles Licht oftmals während der Nachtschicht eingesetzt, um der Schläfrigkeit und schläfrigkeitsbedingten Leistungs- und Produktionseinbußen entgegen zu wirken. Zudem sollen hell ausgeleuchtete Arbeitsräume dazu beitragen, die Aufmerksamkeit vor allem bei längeren, monotonen Aufgaben (z. B. Überwachungstätigkeit an Bildschirmen in Kraftwerken) aufrecht zu erhalten. Allerdings liegen verhältnismäßig wenig Studien vor, welche die Wirkung von hellem Licht als wirksame Gegenmaßnahme bei Schläfrigkeit untersucht haben. Es ist umstritten, ob helles Licht als stimulierende Gegenmaßnahme bei Schläfrigkeit angesehen werden sollte.
Duftstoffe
Frische Düfte (wie z. B. Pfefferminz) führen, wenn sie subjektiv als anregend und konzentrationsfördernd erlebt werden, zu einer Verbesserung basaler Aufmerksamkeitsfunktionen und der Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung. Im Bereich des Sports (z. B. beim Gewichtheben) werden Trigeminusreizstoffe (Riechsalz) eingesetzt, um die Alertness und den Wachheitsgrad der Athleten maximal zu steigern.
Zusammenfassung
Die wohl beste Gegenmaßnahme bei Müdigkeit am Steuer ist es, möglichst sofort eine Pause einzulegen, kurz zu schlafen und anschließend mittels körperlicher Bewegung den Kreislauf in Schwung zu bringen. Hierzu ist es allerdings erforderlich, dass die Betroffenen über die Gefahren der Müdigkeit am Steuer und über geeignete Gegenmaßnahmen informiert werden. Es bleibt zu überlegen, in welcher Form verstärkt Öffentlichkeitsarbeit durchgeführt werden kann, um auf die unterschätzte Gefahr der Übermüdung am Steuer hinzuweisen. Weiterhin ist an die Durchführung von Seminaren zu denken, in denen Autofahrer in die Wahrnehmung von Müdigkeitssymptomen und Durchführung von geeigneten Gegenmaßnahmen unterrichtet werden. Bei Berufskraftfahrern sind medizinische Screening-Untersuchungen in Betracht zu ziehen, die das Risiko einer erhöhter Müdigkeit, bedingt durch Schlafstörungen minimieren sollen.
Aus: Zulley J., Popp R. (2004) Müdigkeit im Straßenverkehr. In: 42. Deutscher Verkehrsgerichtstag 2004, Deutsche Akademie für Verkehrswissenschaft, Hamburg; 65-76
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