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Mittwoch, 10. März 2010    

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Mittagsschlaf

Der Mittagsschlaf

von Jürgen Zulley

Er ist Inhalt alter Weisen (so das Lied "Untarnslaf", Mittagsschlaf, aus dem 14. Jahrhundert), Vorlage vieler Darstellungen alter Meister und doch ist er aus unserem Alltag fast verschwunden - der Mittagsschlaf. Belächelt als Zeichen von Schwäche, welcher nur Kindern, Alten und Kranken zugebilligt wird, erlebt er in letzter Zeit einen weltweiten Wiederentdeckung. Verursacht wurde diese Renaissance durch die Anforderungen der technisierten Umwelt an den Menschen, wie eine Maschine gleichmäßig über Tag und Nacht hinweg zu funktionieren. Steigende Unfallzahlen, verbunden mit steigenden Kosten führten dann endlich zu der Einsicht, daß der Mensch eine recht unzuverlässige "Maschine" ist, auf dessen "Schwachstellen" Rücksicht genommen werden muß. Der Mensch ist, wie alle Lebewesen, eingebunden in die belebte Natur und somit den periodischen Veränderungen, vor allem durch den Tag-Nacht Wechsel ausgesetzt. An periodischen Veränderungen in der Umwelt sind neben den tagesperiodischen Änderungen, der Gezeitenwechsel, der Mondwechsel und der Jahreswechsel bekannt. Während Gezeitenwechsel und lunarsynchrone Rhythmen vor allem für marine Lebewesen von Bedeutung sind, betreffen den Menschen stärker die tagesperiodischen und jahresperiodischen Periodizitäten. Der 24.-Std. Tag, der durch die Erdrotation vorgegeben ist, setzt die Lebewesen ständig rhythmischen Veränderungen aus. Dieser natürliche "Zeitmesser" erlaubt es dem Menschen Abläufe vorherzusagen und sich zunutze zu machen. Gleichzeitig hat sich der menschliche Organismus diesen regelmäßigen Änderungen der Umwelt angepaßt. Diese Einordnung an das äußere Zeitprogramm besteht in der Entwicklung biologischer, dem Organismus innewohnender Zeitprogramme, die den Programmen der Umwelt entsprechen.

Die meisten Lebensfunktionen des Menschen sind durch einen rhythmischen Verlauf gekennzeichnet. Als Beispiele seien der Pulsschlag, der Schlaf und der Menstrualzyklus der Frau genannt. Es läßt sich ein Spektrum verschiedener Periodenlängen zusammenstellen, die von Bruchteilen von Sekunden (Nervensystem) bis zu einem Jahr (Gewebeveränderungen) reichen.

Der charakteristische Verlauf der verschiedenen Funktionen mit jeweils einem Maximalwert und einem Minimalwert am Tage ist nicht die einzige periodische Veränderung. Zusätzlich sind auch schnellere Schwankungen zu erkennen. Als Beispiel sei hier die Kreislauflabilität genannt, die zwei Maxima innerhalb eines 24-Stunden Tages aufweist. Neben einem deutlich ausgeprägten Maximalwert gegen 3 Uhr morgens zeigte sich auch ein Maximum gegen Mittag. Dies bedeutet, daß der Mensch nicht nur nachts, sondern auch mittags mit einem instabileren Kreislauf lebt, während er zu den übrigen Zeiten stabilere Werte aufweist. Über den Tag hinweg ist somit nicht ein einheitlicher Verlauf mit einen Maximal- und einen Minimalwert (circadiane Periodik), sondern es sind mehrere Schwankungen (ultradiane Periodik), zu erkennen. Eine ganz andere Funktion, wie die relative Häufigkeit einschlafbedingter Verkehrsunfälle, verläuft ähnlich. Hier steigt nicht nur nachts die Anzahl der Unfälle an, auch am Tage zeigt sich am frühen Nachmittag ein Maximum in den Unfallzahlen.

Zeigen sich diese Schwankungen auch in dem Wechsel von Schlafen und Wachen? Dies würde bedeuten, daß der Schlaf nicht nur an die Nachtzeit gebunden ist, sondern die zugrundeliegende Regulation auch auf Tagschlafphasen eingestellt ist. In Untersuchungen, die das Auftreten von Schlaf während des Tages ermöglichten, fand sich neben der Hauptschlafphase während der Nachtzeit auch ein zweiter bevorzugter Zeitpunkt für Schlaf. Der Tagschlaf trat mithin nicht beliebig, sondern zu einer ganz bestimmten Zeit auf.

Das Auftreten einer zweiten Schlafphase während des Tages entspricht im Alltag dem Mittagsschlaf. Dessen Auftreten scheint davon abzuhängen, ob die Umweltbedingungen eine solche Ruhephase zulassen. Kinder und ältere Menschen halten in der Mehrzahl einen kurzen Tagschlaf.. Ebenso gehört ein Mittagsschlaf in der nicht-industrialisierten Umwelt zum Alltag.

Die Befunde weisen darauf hin, daß die zweite bevorzugte Schlafphase eine biologischen Grundlage hat. Dies bedeutet nicht, daß der Mensch hier schlafen muß, denn je nach Motivation und Umgebungsbedingungen kann dieser Zeitpunkt auch ohne Schlaf übergangen werden. Offenbar ist die "mittägliche" Schlafphase weniger stark ausgeprägt als die nächtliche Phase. Gleichzeitig entspricht sie jedoch dem Zustand des Organismus in der zweiten Nachthälfte, da viele psychologische und physiologische Variablen zu diesem Zeitpunkt auch ohne Schlaf einen vergleichbaren Verlauf wie in der Nacht zeigen. Eine Verringerung der Leistungsfähigkeit, größere Fehlerrate, verstärkte Müdigkeit sowie eine Absenkung der Körpertemperatur, unabhängig von einer Mahlzeiteneinnahme weisen darauf hin, daß der Organismus einen ähnlichen Umstellungsprozeß wie in der zweiten Nachthälfte erfährt. Dies spricht für eine Ruhephase zu diesen Zeitpunkten. Der Gesamtorganismus ist demnach von seiner Kapazität her grundsätzlich nicht auf eine lange Aktivitätsdauer und eine einzige Ruhephase innerhalb eines Tages eingestellt, sondern zeigt in der Aktivitätsphase zumindest noch einen Wechsel in die Ruhephase.

Dieser Befund findet nun auch Berücksichtigung in der Arbeitswelt. In den USA und auch in Europa wird nun verstärkt die Möglichkeit, eine Mittagsruhepause in den Arbeitsalltag einzuplanen, in die Tat umgesetzt.

 

Literatur:

Zulley J (1995) Der Tagschlaf. In: Chronobiologische Grundlagen der Schlafmedizin. WMW 17/18, pp 397-401

Zulley J., Knab B.: Unsere Innere Uhr. Herder, Freiburg (2003)

Zulley J., Knab B.: Wach und fit. Herder, Freiburg (2004)

Zulley J.: Mein Buch vom guten Schlaf. Zabert Sandmann, München (2005)