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Ich lasse mir das nicht nehmen!

Wie Verbote und Beschränkungen Wahrnehmung und Bewertung verändern: zum Konzept der psychologischen Reaktanz.

Auch wenn die Ausgangsbeschränkungen und Verhaltensvorgaben, die während der ersten Phase der Corona-Pandemie bei uns behördlich angeordnet wurden, derzeit wieder etwas gelockert werden: Das Virus hat unsere Gesellschaft nach wie vor im Griff. Wir müssen Abstand halten, hygienische Maßnahmen befolgen und sehr, sehr vorsichtig sein. Kontakte sind nach wie vor eingeschränkt. Das macht etwas mit uns ... In den letzten Wochen hat man oft diesen oder ähnliche Sätze gehört, besonders oft von Senioren: „Eigentlich ist alles wie sonst auch – aber ich fühle mich trotzdem eingesperrt“. Dr. Astrid Lehner, psychologische Psychotherapeutin an der Psychiatrischen Institutsambulanz der medbo Regensburg, erklärt den Begriff der „Reaktanz“.

Dr. Lehner, meine Oma beschreibt ihr Leben derzeit so: Sie werkelt wie eh und je in Haus und Garten, telefoniert mit Freunden und Verwandten, löst Kreuzworträtsel – wie vor Corona. Trotzdem fühlt sie sich eingeengt. Wie kann das sein?

An den äußeren Lebensumständen Ihrer Oma hat sich vielleicht tatsächlich nicht viel verändert: Sie verbringt ihren Alltag genau wie immer. Was sich aber verändert hat, sind die Handlungsalternativen, die Ihrer Oma zur Verfügung stehen. Wenn Sie bisher frei wählen konnte, was sie mit ihrer Zeit macht, ob sie die Nachbarin zu Kaffee und Kuchen besucht (völlig egal, ob sie das tatsächlich gemacht hat oder nicht), dann bedeutet die Kontaktbeschränkung, dass sie diese Wahlfreiheit aktuell nicht mehr hat. Und das ist eine Veränderung, die Ihre Oma wahrnimmt. Sie fühlt sich plötzlich eingeengt. Wenn etwas, was wir bisher tun konnten, uns jetzt plötzlich nicht mehr möglich ist, also unsere Freiheit eingeschränkt ist, dann macht das etwas mit uns: Wir wollen diese Freiheit zurück. Die Motivation, die eigene Wahlfreiheit zurück zu bekommen, nennt man in der Psychologie „Reaktanz“. Der Begriff kommt aus der Sozialpsychologie und wurde von Jack Brehm geprägt.

Bekommt in unserer Wahrnehmung also das, was verboten ist, automatisch einen größeren Reiz, weil wir unseren Wunsch nach Autonomie besser spüren? Die Kirschen in Nachbars Garten …

Die Theorie der Reaktanz geht tatsächlich davon aus, dass die Handlungsmöglichkeit, die uns genommen wurde, an Attraktivität gewinnt. Das ist gewissermaßen die innere Reaktion auf die Reaktanz. Um zum Beispiel Ihrer Oma zurückzukommen: Wenn ihr verboten wird, mit der Nachbarin Kaffee zu trinken, spürt sie Reaktanz. Als Reaktion darauf ändert sie die Einstellung in Bezug auf das Kaffeetrinken, das heißt, es ist ihr plötzlich besonders wichtig, sich mit der Nachbarin zum Kaffee zu treffen. Wir spüren in so einem Fall also eigentlich nicht unsere Autonomie, sondern die Einschränkung unserer Autonomie.

Bei meiner Oma führen die Corona-Regelungen zu einem befremdlichen Verhalten. Obwohl ihr Unterstützung etwa beim Einkaufen angeboten wird, lehnt sie diese ab. „Ich gehe Einkaufen, weil ich ja sehen muss, was es im Angebot gibt“, sagt sie. Bislang vernünftige Menschen handeln plötzlich unvernünftig, vielleicht sogar unsozial …

Das Verhalten Ihrer Oma ist eigentlich gut nachvollziehbar: Sie reagiert auf die subjektiv wahrgenommene Freiheitseinschränkung (also: Die Familie will ihr jetzt auch noch das Einkaufen wegnehmen) damit, sich ihre Freiheit aktiv zurückzuholen. Sie tut genau das, was ihr angeraten wird, nicht zu tun. Damit „erzwingt“ sie sich praktisch ihre Freiheit zurück. So etwas passiert oft unreflektiert und automatisch. Das heißt, die Vernunft hatte hier vielleicht gar keine Möglichkeit, einzugreifen. Weitere häufige Reaktion auf Reaktanz sind übrigens Ärger und Aggression. Das ist evolutionär betrachtet sinnvoll, da aggressives Verhalten manchmal ja auch dazu führen kann, dass wir unsere Freiheiten zurückbekommen. Ergebnis kann dann unsoziales Verhalten sein. Das ist in der aktuellen Situation zwar nicht hilfreich, passiert aber in manchen Fällen vermutlich ebenso unreflektiert wie der oben beschriebene trotzige Gang der Oma in den Supermarkt.

Ist das nur bei meiner Oma, sprich: älteren Menschen, so, oder kann man derzeit Reaktanz auch bei anderen Bevölkerungsgruppen beobachten? Stichwort „Corona-Parties“ …

Natürlich kann grundsätzlich jeder Mensch Reaktanz zeigen, der sich in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt. Wie stark die Reaktanz ist, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel davon, wie umfangreich der Freiheitsverlust ist. Ältere Menschen fühlen sich aktuell möglicherweise besonders stark eingeschränkt, da sie ja als „Risikogruppe“ gelten und damit besonders kritisch beäugt werden. Ein anderer Faktor ist die Wichtigkeit des Bereichs, der eingeschränkt wird. Mit der Kontaktbeschränkung ist ja ein Lebensbereich betroffen, nämlich die zwischenmenschlichen Bindungen. Diese sind für uns Menschen per se sehr wichtig. Wenn ein junger Mensch es gewohnt ist, sich täglich mit seinen Freunden zu treffen, dann stellt die Kontaktbeschränkung natürlich eine sehr einschneidende Veränderung im Alltag dar – und führt damit mit großer Wahrscheinlichkeit zu Reaktanz.

Wie kann man als Gegenüber – egal ob als Enkel, als Nachbar oder einfach nur als Mitmensch – vernünftig mit Reaktanz-Verhalten umgehen?

Wie in so vielen Situationen kann es auch hier hilfreich sein, zunächst Verständnis für die schwierige Situation und die damit einhergehenden Gefühle aufzubringen. Sie können Ihrem Gegenüber sagen, dass Sie verstehen, dass es sich über die Einschränkungen ärgert oder sich einsam fühlt und vielleicht, dass Sie das von sich selbst auch kennen. Sie können dann eventuell gemeinsam überlegen, was gewonnen werden kann, wenn Sie sich gemeinsam an die Richtlinien halten. Zum Beispiel, dass sich hier die Chance bietet, sich und andere zu schützen, auch wenn es schwerfällt. Auch im Umgang mit unserer eigenen Reaktanz kann das hilfreich sein. Machen Sie sich bewusst, dass Sie sich auf der einen Seite ärgern und eingeschränkt fühlen dürfen. Gleichzeitig können Sie sich auf der anderen Seite zutrauen, diese Gefühle auszuhalten, ohne unbedingt Ihr Verhalten danach richten zu müssen. Das heißt, unser Verhalten kann sich an den Regeln orientieren, auch wenn Reaktanz spürbar ist. Zu guter Letzt: Falls Sie Ihren Unmut äußern mögen, wenn sich jemand aus Ihrer Sicht nicht richtig verhält, dann machen Sie das möglichst respektvoll. Ein aggressiver, vorwurfsvoller oder belehrender Ton führt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu noch stärkerer Reaktanz beim Gegenüber.

 

Bildnachweis: Fotolia 9962892

 


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