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Sorge im Doppelpack

In der Pandemiezeit sind unsere Senioren doppelt belastet: Sie sind besonders gefährdet und besonders einsam.

Unsere Senioren sind nicht nur eine der, wenn nicht die durch das Virus am meisten gefährdete Zielgruppe. Die Isolierungsmaßnahmen und Kontaktbeschränkungen machen ihnen besonders zu schaffen. Auch wenn derzeit die Krisen-Regelungen gelockert werden: Viele Senioren leben ja schon alleine, und in unserer modernen Welt ist die Großfamilie, die nachbarschaftlich oder gar in einem Haus zusammenlebt, ein Auslaufmodell. Obendrauf kommen die beängstigenden Covid19-Fallzahlen in Senioren- und Pflegeheimen. Wir sprachen mit Georg Pilhofer, dem Leiter der Gerontopsychiatrischen Koordinierungsstelle Oberpfalz, über die derzeitige Situation von Senioren.

Herr Pilhofer, wie gehen ältere Menschen Ihrer Erfahrung nach mit der gegenwärtigen Krise um?

Ich habe da unterschiedliche Erfahrungen mit alten Menschen gemacht. Gerade in der Anfangsphase der Ausgangsbeschränkung haben nahezu alle Seniorinnen und Senioren die Isolationsmaßnahmen verstanden und gutgeheißen. Auch jetzt plädieren die meisten dafür, ganz vorsichtig und langsam zu einer bestmöglichen Normalität zurückzukehren. Lieber Vorsicht, als Nachsicht. Die Angst vor einer weiteren rapiden Zunahme der Erkrankungszahlen überwiegt. Diese Leute haben nicht mal so sehr Angst vor dem Sterben selbst, als vor einem grausamen, nach Luft ringendem Sterbeprozess, alleingelassen auf einer hochtechnisierten Intensivstation im Krankenhaus. Andere Senioren berichten uns bei der telefonischen Beratung, dass sich seit Corona nicht viel für sie geändert hat, sie waren auch vorher bereits einsam.

Viele sind ja noch Kriegsgeneration. Prägt das die Art und Weise, wie Senioren mit Krisen umgehen?

Manche schöpfen viel Hoffnung aus ihren Lebenserfahrungen. Sie haben nach dem Krieg und im Laufe ihres Lebens immer wieder Krisen- und Notzeiten erlebt - dann wird auch diese vorübergehen, sagen sie sich. Andere wiederum, insbesondere psychisch erkrankte Senioren mit Depressionen, leiden intensiv unter der Einsamkeit und ihren Ängsten. Die Einsamkeit verführt zum Grübeln, macht vieles schlimmer, als es vielleicht in Wirklichkeit ist. Die Angst vor der Krankheit und Zukunft lähmt, kann auch Panik verursachen, bis hin zu Suizidgedanken.

In Alten- und Pflegeheimen war die Situation besonders belastend …

Die behördlich verordnete absolute Kontaktminimierung war richtig. Aber die strenge Isolierung der letzten Wochen hat bei den Heimbewohnern Spuren hinterlassen. Manche Bewohner hatten noch das Glück, im Heimgarten spazieren gehen zu können. War das Heim jedoch von Covid19 betroffen, war Quarantäne angesagt und die Bewohner durften ihre Zimmer nicht mehr verlassen. Insbesondere die Menschen mit Demenz kommen mit so einer Situation überhaupt nicht klar. Die maskierten Menschen und das Eingesperrtsein verunsichert die ohnehin Verwirrten noch mehr. Dabei müssen wir uns immer klarmachen: Die Pandemie ist nicht vorbei! Die Lockerungen können zu einem Wiederanstieg der Infektionen führen und dann heißt es vielleicht sogar wieder „alles auf Anfang“.

Wie steht es mit der Versorgung in den Heimen? Gibt es tatsächlich Grund zur Sorge?

Die gehäuften Infektionsfälle in Heimen waren fast immer über das Personal verursacht, das gerade in den ersten Wochen der Pandemie keine oder nur unzureichende Schutzausrüstung erhielt. Am Problem der fehlenden und geeigneten Schutzausrüstung wurde in den letzten Wochen intensiv gearbeitet. Aber die Not vieler Heime hat uns bereits vor der Corona-Krise viel Sorge bereitet. Zu wenig Personal, dazu zum Teil noch ungenügend ausgebildet, führt seit längerem dazu, dass sich Heimbewohner vernachlässigt fühlen, verzweifelt sind, einsam sterben müssen und so weiter. Die Fachleute der Alten- und Gesundheitshilfe sowie des Sozialwesens brauchen insgesamt eine gesamtgesellschaftliche Aufwertung ihrer Berufsgruppen.

Isolation hat zwei Seiten: Ein „Drinnen“ und ein „Draußen“…

Das ist ein ganz wichtiger Aspekt! Die seelische Not insbesondere der aus den Heimen „ausgesperrten“ Ehepartner ist oft groß. Meistens haben sie zuvor Jahre lang ihre Frau oder ihren Mann gepflegt, waren Tag und Nacht da, bis es eben nicht mehr ging und eine Heimaufnahme unausweichlich war. Manche dieser Ehepartner waren bislang täglich im Heim, hatten ihren gesamten Tagesablauf auf die Bedürfnisse des pflegebedürftigen Partners eingestellt. Diese Personen haben häufig nur noch wenige soziale Kontakte außerhalb der Pflegeeinrichtung – vor allem wenn es keine Kinder gibt oder diese weit weg wohnen. Während sich in den Pflegeeinrichtungen das Personal darum bemüht, den Bewohnern die anhaltend schwierige Situation so erträglich wie möglich zu machen, sind die häufig selbst schon hochbetagten Ehepartner oft mit ihren Sorgen und ihrer Einsamkeit alleine. Für sie ist die Situation extrem belastend.

Das alltägliche Alleinsein ist Fluch, aber in der Krise Segen zugleich. Gibt es Tipps für ältere Menschen, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Es muss Menschen geben - Angehörige, Freunde, Verwandte, Nachbarn und Bekannte – wo sich Senioren hinwenden können, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das geht vom Plausch am Telefon bis hin zu Besorgungen aller Art. Mein Rat an Senioren ist daher grundsätzlich: Öffnen Sie sich rechtzeitig für Ihr Umfeld! Und an das Umfeld geht dieselbe Botschaft: Öffnen Sie sich den Senioren in Ihrer Umgebung! Meiner 85-jährigen Mutter habe ich empfohlen, sehr viel und lange mit ihren Freundinnen zu telefonieren. Das ist ihre „Peer-Group“ – und deswegen verstehen sie einander gut. Ich habe meine Mutter außerdem eingedeckt mit Lesestoff und Rätselheften. Ich bestärke sie, alle Lieblingssendungen im Fernsehen anzusehen und am Radio anzuhören. Ich ermuntere sie jeden Tag zu kleineren Spaziergängen rund um ihr Haus und in ihrem Garten. Seit letzter Woche trifft sie auch hin und wieder Nachbarn und unterhält sich mit „Sicherheitsabstand“ über den Zaun hinweg.

Trotz Lockerungen: Der Spagat zwischen „Opa nicht gefährden“ und „Opa aus der Einsamkeit holen“ bleibt. Was raten Sie Angehörigen?

Nach wie vor ist es bei persönlichen Treffen wichtig, immer auf den Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 m zu achten, Behelfsmasken tragen, die Mund und Nase dicht abdecken, und bei den geringsten Erkältungssymptomen lieber fernbleiben und telefonieren. Bei schönem Wetter kann man gemeinsam spazieren gehen: aber natürlich Abstand einhalten! Im Heim und in der Klinik müssen Sie sich an die Anweisungen der Mitarbeiter halten und gegebenenfalls, je nach Gefährdungslage, doch durchs Zimmerfenster kommunizieren. Bei sterbenden Angehörigen ist für die Familienmitglieder das Abschiednehmen besonders wichtig und notwendig. Dies sollte von den Einrichtungen ermöglicht werden.

 

Rat und Hilfe für Senioren und Angehörige – Tipps von Georg Pilhofer

  • Grundsätzlich empfehle ich den alten und (psychisch) kranken Menschen, sich gut und richtig über seriöse Informationsquellen, wie dem Ambulanten Gerontopsychiatrischen Verbund Bayern (agvb) zu informieren und sich durch manche Falschmeldungen über das Coronavirus nicht verunsichern zu lassen.
  • Aber sie sollen sich auch durch positive und humorige TV- und Radiosendungen ablenken, ihren Alltag positiv gestalten, mit allem was sie schon immer gerne machen, etwa Zeitunglesen, Stricken, Basteln, Singen, Musizieren und so weiter. Empfehlenswert sind auch körperliche und geistige Aktivitäten, nach dem Motto „Wer rastet der rostet“!
  • Wenn jetzt die Lockerungen der Isolation kommen: Pflegen Sie persönliche Kontakte (unter Beachtung der Schutz- und Abstandsregeln natürlich)!
  • Achten Sie auf eine gute und gesunde Ernährung, Entspannungsübungen und Meditation tun der Seele gut. Negative Gefühle sollten Sie zwar anerkennen und zulassen, aber noch besser stärken Sie die positiven Gefühle stärken und freuen sich, wenn möglich, über Kleinigkeiten.
  • In der seelischen Not sollten Sie sich nicht scheuen, professionelle und ehrenamtliche Hilfsangebote anzunehmen. Die Sozialpsychiatrischen Dienste Ihrer Region bieten Hilfsbedürftigen kostenlose (telefonische) Beratung. Infos gibt es auch im Internet bei der agvb.
  • Kostenlose (telefonische) Beratung gibt es auch bei den Sozialpsychiatrischen Diensten in der Oberpfalz.
  • Weitere Hilfsangebote der Oberpfalz und darüber hinaus findet man ebenfalls auf den agvb-Seiten.

 

Bildnachweis: Frank Hübler für medbo

 


 

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