Zum Inhalt springen
Prof_Rainer_Rupprecht_c_Zitzelsperger.JPG

Update: Corona und Psyche

Fragen an den Experten Prof. Dr. Rainer Rupprecht, Ärztlicher Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik der medbo Regensburg.

Vor etwa sechs Monaten ist der erste Mensch in Deutschland an Corona erkrankt. Das ganze Land hat eine Art Lockdown-Paralyse hinter sich und nun schauen wir alle ganz gebannt, wann/ob eine zweite Corona-Welle kommt. Herr Prof. Rupprecht: Haben sich die Patientenzahlen bei Ihnen in der Klinik durch Corona gesteigert?

Die stationäre Versorgung lief auch im Lockdown. Aber durch den Lockdown sind die Angebote unserer psychiatrischen Institutsambulanzen sowie der Tageskliniken wochenlang auf Null gefahren worden. Die Bestandspatienten waren von heute auf morgen ohne reguläre Versorgung. Wir haben es dennoch geschafft – zum Beispiel mit Hilfe eines Online-Angebots zur Tagesstrukturierung – die schlimmsten Einbrüche im Gesundheitsstatus unserer ambulanten Bestandspatienten zu vermeiden. Aber wir stellen trotzdem fest: Einige Patienten haben die Behandlung oder ihre Wiederaufnahme aufgeschoben, haben ihre Medikationsvorräte nicht aufgefüllt und kommen jetzt wieder in eher schlechterem Zustand. Ja: Die Krankheitsschwere hat eher zugenommen.

Gibt es Hinweise, dass Corona eigene Ausprägungen bei spezifischen psychiatrischen Erkrankungen hervorgebracht hat, etwa eine Corona-Angststörung oder eine Corona-Depression?

Das haben wir nicht so sehr beobachtet. Aber die Belastungen durch Social Distancing, Besuchs- und Beurlaubungseinschränkungen et cetera haben bestehende Erkrankungen verstärkt beziehungsweise Neuerkrankungen möglicherweise getriggert. Mit den allmählichen Lockerungen ergab sich aber auch hier eine Entlastung für die betroffenen Patienten.

Experten vermuten, dass Corona wohl Nerven und Gefäßsysteme nachhaltig schädigen kann. Gibt es hier Hinweise, dass hierdurch auch psychische Erkrankungen ausgelöst werden können?

Es gibt möglicherweise im Rahmen der durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung angestoßenen Covid-19-Forschung künftig Projekte, die sich mit den Auswirkungen auf Gehirn, Nerven und Gefäßstrukturen beschäftigen sollen. Das Thema Psyche steht hier bislang allerdings weniger im Fokus. Aber sollten sich somatische Auswirkungen einer Corona-Infektion vor allem auf das Gehirn manifestieren, so ist durchaus denkbar, dass – je nach betroffener Gehirnregion – auch psychische Erkrankungssymptome ausgelöst werden könnten. Noch ist es aber zu früh, um hier zu spekulieren.

Die Sorge vor einer zweiten Welle ist groß, gerade in der bevorstehenden kalten und dunkleren Jahreszeit. Wie können sich die Menschen mental/psychisch darauf vorbereiten? Was raten Sie?

Je nachdem, welche Restriktionen erforderlich sind, sind wir in der Klinik gut gerüstet. Wir haben aus der ersten Welle viel gelernt und ein Stufenkonzept entwickelt, um die Patientenversorgung unter Corona-Bedingungen so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. Aber das A und O ist, einen Lockdown grundsätzlich zu vermeiden. Daher geht es zunächst darum, die allgemeinen Corona-Verhaltensregeln – das heißt AHA, also Abstand-Händehygiene-Atemschutz – weiter konsequent einzuhalten, um vor allem unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Mit AHA ist bereits viel gewonnen, wenn sich jeder Einzelne daran hält!

Vielen Dank, Prof. Rupprecht!

 

Bildnachweis: Juliane Zitzlsperger

 

 


 

>> zu allen Expertentipps



>> zur Übersicht Corona-Blog



>> zum Kontaktformular