Zum Inhalt springen
_c__Uhr_Fotolia_24634196_M.jpg

Was ist schon normal?

Halt und Sicherheit finden in unruhigen Zeiten

In Zeiten, wo wir im alltäglichen Hamsterrad zwischen beruflichen und häuslichen Pflichten stecken, träumen wir von Entschleunigung und Dauerferien. Und als vor einigen Wochen der Corona-bedingte soziale Lockdown von den Behörden angeordnet wurde, haben viele von uns - die Schulkinder voran - sich wohl erstmal auf diese unverhoffte Art von "Ferien" gefreut: Lange ausschlafen, fernsehen bis "in die Puppen", abhängen und mit dem Smartphone dauerdaddeln. Andere sind sofort in den Krisenmodus verfallen: Hamstereinkäufe tätigen und 24/7 Nachrichten zur Pandemie abrufen. Wieder andere befanden sich schnell in einer Schockstarre aus Angst vor Ansteckung und/oder aus Angst vor dem Verlust ihrer wirtschaftlichen Existenz. Nach den ersten Wochen sehnen sich alle vor allem nach einem: Normalität. Doch wie kann "Normalität" in Zeiten der Krise gelingen? Warum ist sie uns so wichtig? Und was können wir selbst tun, um unserer persönlichen Welt im Ausnahmezustand ein wenig mehr Normalität zu geben? Prof. Dr. Berthold Langguth, Chefarzt der Psychiatrischen Institutsambulanz der medbo Regensburg, erklärt das psychologische Konzept der Normalität und ihres wesentlichen Instruments: Tagesstruktur.

Herr Prof. Langguth, wenn der Lockdown unsere Leistungsgesellschaft schon zur Vollbremsung zwingt, wäre es da nicht eine gute Idee, ihn gleich wie eine Art Ferien zu sehen und sich einfach mal so richtig zu erholen? Was spricht denn dagegen, sich jeden Tag auszuschlafen und auf der Sonnenliege im Garten zu entspannen?

Viele Menschen erleben tatsächlich die Vollbremsung unserer Gesellschaft durch den Lockdown als eine Entschleunigung, die sie sich schon immer gewünscht haben. Vollkommen unerwartet haben viele auf einmal ganz viel Zeit. Zeit für sich, Zeit für die Familie, auch Zeit, endlich mal die Dinge zu tun, die lange liegen geblieben sind. Und es spricht natürlich überhaupt nichts dagegen, diese Situation zu genießen. Im Gegenteil: Die Fähigkeit, eine Situation, die man selbst nicht ändern kann, akzeptieren zu können und das Beste aus dieser Situation machen zu können, ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die glücklich und zufrieden macht. Man sollte also kein schlechtes Gewissen haben, wenn man morgens länger schläft und auf der Sonnenliege im Garten entspannt, sondern diesen unerwarteten Gewinn an Lebensqualität bewusst wahrnehmen und genießen.

Alltagsstrukturen empfinden wir in normalen Zeiten oft als Last, die wir gerne abschütteln würden. Aber viele von uns vermissen in der aktuellen Lage langsam die alten Routinen und Rituale aus Job-Familie-Freizeit. Hat Normalität in der Krise einen neuen, einen höheren Stellenwert? Was macht Normalität aus?

Alltagsstrukturen haben - wie alle Strukturen - zwei Seiten: Einerseits geben sie uns Halt und andrerseits schränken Sie uns ein. Strukturen sind nicht automatisch gut, sondern es geht darum, dass wir soviel Struktur haben, wie wir brauchen, um Halt und Stabilität zu behalten. Wir wissen aus unserer klinischen Erfahrung, dass Menschen unter besonderen Belastungen mehr Halt und Struktur benötigen. Ein bekannter Ort und vorhersehbare Tagesabläufe geben Sicherheit und helfen, die Belastungen auszuhalten. So erleben wir, dass manche Menschen im Sinne eines Selbstheilungsversuches sehr strenge Rituale entwickeln, die sie zwanghaft einhalten. Diese Zwänge stabilisieren zwar, aber sie schränken natürlich auch die Entfaltungsmöglichkeiten massiv ein. In solchen Fällen besteht das psychotherapeutische Ziel darin, dass die betroffenen Menschen wieder Halt finden und die einengenden Zwänge nicht mehr benötigen.

… und andererseits?

Andererseits erleben wir Freude und Glück, wenn wir was Neues entdecken, wenn wir Dinge erleben, die besser sind, als wir es erwartet haben. Diese Neugier motiviert uns, in den Urlaub zu fahren, fremde Länder zu erkunden. Aber gleichzeitig sind wir in solchen Situationen natürlich froh um Sicherheit. Selbst der unternehmungslustigste Rucksacktourist fühlt sich gut, immer ausreichend Geld für das Rückflugticket zur Verfügung zu haben.

Hat die Psychiatrie ein Konzept der Normalität?

Man kann diesen Zusammenhang aus neurowissenschaftlicher Perspektive erklären. Unser Gehirn kann man verstehen als ein Organ, das dazu da ist, möglichst gute Vorhersagen für die Zukunft zu treffen. Wenn ich aufgrund der Erfahrungen der Vergangenheit die Zukunft vorhersagen kann, dann fühle ich mich sicher und habe einen Plan, wie ich handeln kann. Wenn sich aber die Umgebung plötzlich und unvorhersehbar verändert, dann fehlt mir zunächst die Orientierung. Diese Unsicherheit erzeugt Angst. In dieser Situation ist das Bedürfnis nach Sicherheit groß. Wenn ich in nebliger Nacht auf einer kurvenreichen Straße durch die Berge fahre, dann bin ich froh, wenn ich stabile Leitplanken neben mir weiß. So ähnlich stellt sich momentan sie Situation für uns dar. Ganz viele Dinge sind ungewiss.

Also spielt der Begriff der Sicherheit eine große Rolle?

Niemand weiß, wie lange uns das Coronavirus und die damit verbundenen Einschränkungen begleiten werden und was dies für unsere Gesundheit, unser berufliches, familiäres und soziales Leben bedeutet. In dieser Situation wünscht man sich Sicherheit, aber die stabilen Leitplanken sind uns auch weitgehend verlorengegangen: Für viele Menschen ist der Alltag komplett verändert. Es sind nicht nur die Arbeit und die Schule, die fehlen. Sehr viele Sozialkontakte sind eingeschränkt, der wöchentliche gemeinsame Sport, das Singen im Chor, der regelmäßige Stammtisch, Bundesliga am Wochenende oder der Gottesdienst am Sonntag: All dies ist von einem auf den anderen Tag weggefallen. In dieser Situation ist es wichtig, dass man sich durch einen Erhalt der Tagesstruktur ein bisschen Sicherheit gibt.

Die Pandemie macht uns Angst. In der häuslichen Isolation droht Vereinsamung. Und die Enge der eigenen vier Wände stresst. Was macht der Lockdown mit unserer Psyche?

Die Pandemie bedeutet ganz viel Ungewissheit auf allen Ebenen. Das führt zur Verunsicherung und macht uns Angst. Die häusliche Isolation ist natürlich eine erhebliche zusätzliche Belastung. Wir sind alle soziale Wesen. Im Laufe der Evolution hat sich gezeigt, dass die Menschen, die in der Gemeinschaft gelebt haben, einen Überlebensvorteil hatten. Wir alle sind genetisch so programmiert, dass wir den sozialen Kontakt suchen und uns der soziale Kontakt guttut. Einsamkeit bedeutet Stress und macht uns auf Dauer krank. Daher ist es wichtig, dass wir alle Möglichkeiten des sozialen Kontaktes nutzen, die uns momentan zur Verfügung stehen. Über das Telefon kann man ohne Infektionsgefahr sozialen Kontakt halten, und auch ein gemeinsamer Spaziergang mit zwei Meter Abstand ist eine wichtige Form des sozialen Kontaktes, die trotz Corona möglich ist

Was können wir tun, um psychisch gesund zu bleiben? Wie können wir Normalität in der Isolation, in der Krise herstellen?

Alles, was unserer Psyche im Normalfall guttut, hilft natürlich auch in der Coronakrise. Die Eigenschaft, mit psychischen Belastungen zurecht zu kommen, wird mit dem Fachbegriff Resilienz bezeichnet. Und die allermeisten Dinge, die die Resilienz fördern, sind auch trotz Corona möglich:

  • Ein wichtiger Aspekt ist die Akzeptanz. Wer sich mit der Situation arrangieren kann und wem es gelingt, für sich das Beste daraus zu machen, der wird zufriedener und glücklicher sein, als jemand der dauernd darüber nachsinnt, was im Moment alles nicht möglich ist.
  • Eine weitere wichtige Strategie ist die Achtsamkeit. Darunter versteht man die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf das hier und jetzt zu lenken. Die Zukunft ist ungewiss, aber es wird nichts besser, wenn wir über alle möglichen problematischen Zukunftsszenarien nachgrübeln. Besser ist es, mit allen Sinnen einen der derzeit herrlichen Frühlingstage zu genießen.
  • Soziale Kontakte tun uns allen gut, und diese sollten wir mit allen technischen Mitteln pflegen, die uns derzeit gefahrlos möglich sind.
  • Eine regelmäßige Struktur gibt uns Sicherheit, deswegen sollten wir – auch wenn derzeit keine Schule ist oder jemand im Homeoffice tätig ist – unseren Alltag in einer gewissen Regelmäßigkeit gestalten und einen Unterschied zwischen Werktagen und Wochenende machen.
  • Körperliche Bewegung - wenn möglich an der frischen Luft - hat neben vielen anderen gesundheitsfördernden Effekten auch eine stabilisierende Wirkung auf die Psyche.
  • Und zu guter Letzt sollten wir daran denken, uns auch ausreichend Gutes zu tun und die Dinge, die uns derzeit möglich sind, bewusst zu genießen. Das kann zum Beispiel eine gemeinsam zubereitete und besonders gute Mahlzeit sein.

Stichwort "regelmäßige Struktur": Haben Sie einen konkreten Tipp, wo man Anregungen bekommen kann?

Ein tagesstrukturierendes Angebot haben wir auf der medbo Homepage über unseren Bleib-Zuhause-Blog eingerichtet. Zweimal täglich - um 09:00 und um 15:00 Uhr - bieten wir hier eine Stunde lang Inhalte vor allem aus der Musik-, der Sport- und der Ergotherapie an. Das Programm ist für die User immer eine Überraschung: Ob Qi Gong, ein Vortrag oder ein Kochrezept - alles ist möglich. Der Blog richtet sich zwar in erster Linie an unsere ambulanten und tagesklinischen Patienten, die derzeit nicht im Haus versorgt werden können. Aber grundsätzlich sind die Inhalte auch für jeden Interessenten zugänglich. Einfach mal mitmachen und ausprobieren!

Wer hat aus der Sicht des Psychiaters bessere Chancen, mit den Folgen der häuslichen Isolation fertig zu werden: Derjenige, der in einer häuslichen Gemeinschaft lebt, oder der, der allein zuhause ist? Oder haben beide Formen eigene Untiefen? Was raten Sie jeweils?

Da gibt es eine einfache Antwort. Derjenige, der sich mit der Situation, in der er sich gerade befindet, gut arrangieren kann, der wird am besten damit zurechtkommen. Wenn jemand auf engem Raum mit der ganzen Familie zusammen ist, kann das sehr belastend sein, aber auch eine besonders intensive Form des Miteinanders. Und wenn jemand jetzt viel Zeit alleine verbringt, dann kann er sich einsam fühlen oder die verfügbare Zeit und Freiheit genießen. Es hängt von uns ab, wie wir die besondere Situation, in die wir jetzt geraten sind, erleben und nutzen.

 

Bildnachweis: Fotolia 24634196

 

 


 

>> zu allen Expertentipps



>> zur Übersicht Corona-Blog



>> zum Kontaktformular