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Tag 48

Jule Greiner-Adam ist Mama von zwei kleinen Mädchen – beides Schulkinder. Als Veranstaltungsmanagerin und Mitarbeiterin am medbo Institut für Bildung und Personalentwicklung arbeitet sie on top derzeit im Homeoffice. In ihrem Familientagebuch hält sie ihre Eindrücke und Erlebnisse @home fest …

Liebes Corona-Tagebuch,

es ist Tag 48 ohne Schule, Kita oder Betreuungsmöglichkeit. Tag 48 im Home-Office-/Home-Schooling-/Haushalts- und Kinderanimationschaos. Wir drei Mädels hatten mittlerweile mehrere Wochen Zeit, um uns mit den Entbehrungen zurecht und in unseren neuen Corona-Alltag einzufinden. Nummer Vier streift derweilen weiter jeden Tag als Handwerker durch die Gegend.

Wenn ich gefragt werde, wie ich das schaffe und wie es uns so geht, weiß ich selbst manchmal keine Antwort darauf. Ich schmeiße einfach jeden Tag alles in einen Topf: Job, Haushalt, Hausaufgaben und das morgendliche Stimmungsbild aller, und dann picke ich mir eins nach dem anderen heraus. Der Anspruch an meine eigene Flexibilität – auch aus digitaler Sicht – ist hoch wie noch nie und es gibt sicherlich jeden Tag etwas, was mich an meine Grenzen und halb in den Wahnsinn treibt. Aber alles in allem kommen wir klar – irgendwie.

Was kann ich also an Tag 48 berichten?

Uns hat es sehr geholfen bereits bestehende Strukturen beizubehalten: gemeinsames Frühstück, anschließend darf Mama arbeiten und die Kinder bearbeiten in dieser Zeit ihre Hausaufgaben. Wir besprechen jeden Morgen die To-Do's für Jeden und überlegen, wie wir uns nach Erledigung dieser belohnen. Wir planen die gemeinsame Spielzeit und lassen uns etwas für unsere Snackpause am Nachmittag einfallen. Das gibt mir und den beiden Kindern Struktur für den Tag und einen Ausblick auf die „schönen“ Aktivitäten, wie eine Fahrradtour, Gartenbepflanzung (und Beobachtung dieser), basteln, puzzeln, Gesellschaftsspiele, Turn-Parcour, das Eis beim to-go-Händler unseres Vertrauens oder eben ein ganz anderes Projekt. Und Kinder lieben „Projekte“. Nenn alles einfach Projekt oder Experiment und sie sind Feuer und Flamme!

Zu Beginn der „stay at home-Bewegung“ habe ich mit einfachsten Mitteln versucht, den Kindern die Wichtigkeit der Händehygiene zu erklären und dazu einfach das Experiment mit Wasser, Pfeffer und Spülmittel gemacht. Das war der Renner! Überhaupt hat die Erklärung unserer Hygienemaßnahmen und Alltagsbeschränkungen und das, was es mit uns macht, sehr viel Raum bekommen. Die Kinder vermissen ihre sozialen Kontakte, ihre Turn-, Tanzgruppen- oder Karate-Buddies genauso wie wir unser einstiges soziales Leben. Diese Gefühle brauchen Raum!

Mir und den Kindern erlaubt die viele gemeinsame Zeit daheim aber auch, neue Dinge auszuprobieren. Wir haben die Vorlesestunden von Oma und Opa einfach per Video-Call gemacht, haben gemeinsam unsere erste Zumba-Kids-Lesson im Wohnzimmer über YouTube absolviert, die Kinderschreibtische in ein besseres Licht zum Arbeiten gerückt, wir haben alte Brieffreundschaften aktiviert oder neue begonnen.

Zwischen Tag 7 und Tag 14 war der Knall zuhause besonders laut. Die Erstklässlerin hatte ein Spieldate mit der besten Freundin, das natürlich abgesagt wurde. Der Frust war erst einmal riesig, zumal die Viertklässlerin gleichzeitig mit der Trauer über die Absage des Tanztrainings kämpft. Wie also die Stimmung wieder heben und motivieren, weiter zu machen? Erster Schritt: darüber sprechen und ergründen, woher der Frust genau kommt. Wir haben gemeinsam in die Kissen geboxt, um alles raus zu lassen. Die Kleine durfte dann ihre Spielstunde per Video-Call abhalten und zwei Sechsjährige sind sogar von ganz allein darauf gekommen, Würfel- und Puppen- und Rollenspiele über das Tablet zu machen. Sie haben sich sogar gegenseitig vorgelesen (macht eine Unterschrift am Lesepass!). Die Große hat ihre Tanztrainerin per Sprachnachricht gefragt, ob sie uns nicht eine neue Choreografie aufnehmen würde, und wir einfach daheim üben. Und das kam richtig gut an bei allen Tanzkindern.

Was die Einteilung der Hausaufgaben und Lerninhalte betrifft, habe ich mich recht früh dazu entschlossen mit den jeweiligen Klassenlehrern Kontakt aufzunehmen und zu fragen, wie viel Zeit die Kinder ungefähr aufbringen sollten und wie wir die Tage gut aufteilen. Bei uns hat sich bewährt den Tag in eine Vormittags-und Nachmittags-Lernphase einzuteilen. Vormittags besprechen wir neue Inhalte und die Kinder können Fragen stellen, um anschließend oder/und am Nachmittag ihre Aufgaben weitestgehend selbstständig abzuarbeiten. Hausaufgaben haben wir bei Motivationsschwierigkeiten tatsächlich auch schon gemeinsam in einer kleinen Lerngruppe mit Klassenkameraden per Videocall gemacht. Unsere Klassenleitung hat sich auch entschlossen ihre Schüler regelmäßig anzurufen, zu fragen wie es läuft und um den Kindern etwas Anerkennung für die erbrachten Arbeitsergebnisse und Lernfortschritte zu geben. Das motiviert noch einmal ganz anders.

Hin und wieder lassen wir auch Erklärvideos oder Online-Lernangebote mit einfließen. Ich selbst überlege mir auch kleine Lerneinheiten für den Alltag, etwa Kuchen backen und Rezept für die Oma zum Nachbacken notieren, ein Frühlingsblüher-Tagebuch mit Fotos, die mit Unterstützung des www bestimmt werden. Wir zählen bei der Fahrradtour Verkehrsschilder und erklären uns gegenseitig die Bedeutung.

Um der Langeweile entgegen zu wirken, habe ich einen Angebotstisch eingerichtet. Dort findet man Bastelmaterial wie Wolle, Eierkartons, Wassermalfarben, Mandalas sowie Fädel- und Experimentierspiele, um selbst kreativ zu werden. Meine große Tochter kam vor ein paar Tagen mit einem eigens gefertigten Familientagebuch zu mir, in das jedes Familienmitglied schreiben kann und das dann weiterwandert. Sogar eigene Regeln hat sie dafür aufgestellt, und ich denke, das wird ein neues Familienritual für uns.

Ich habe mich mit einigen Kolleginnen (Astrid Herzog und Julia Kagerer sind in genau derselben Situation), Freunden, Bekannten sowie einer Erzieherin und einer Lehrerin kurzgeschlossen und gefragt, wie sie mit schwieriger werdenden Situationen mit ihren Kindern umgehen und mir weitere Anregungen und Tipps geholt. Jeder der Befragten sagte mir, Struktur ist das A und O. Der Tenor ist: Teilt den Tag gemeinsam in Spiel-, Aktivitäts- und Lernphasen auf. Plant bewusst Pausen ein, aber behaltet euch die Flexibilität bei, Anpassungen vorzunehmen, wenn es mal nicht so „rund“ läuft.

 

Jule Greiner-Adams Alltagsstruktur-Tipp-Sammlung für Allround-Mamas und Papas

  • Besonders für das Kindergarten- und Vorschulalter
    Schwungübungen, erste Zahlen und Buchstaben nachspuren oder schreiben, Farb- und Formsortierspiele. Man kann auch im Kindergarten fragen, ob sie Ausmalbilder, Vorschulübungen oder andere Materialien zur Verfügung stellen, die zum Jahresthema passen.
  • Motorik- und Geschicklichkeitsspiele
    Perlenfädeln, Weben mit dem Webrahmen, Eierlauf … aber auch der gute, alte Gummitwist, Hula-Hoop-Wettbewerb, Seilspringen, Himmel-und-Hölle-Hüpfkästchen …
  • Bewegungsspiele
    Turnspiele wie einen Parcours mit Kissen bauen, Balancierspiele im Wald am Baumstamm, Hindernisparcour aus Blumentöpfen im Garten …
  • Gemeinsam unterwegs sein
    Machen Sie mit den Kids Wander- und Fahrradtouren in der Umgebung (für die sonst vielleicht keine Zeit ist).
  • Basteln, basteln, basteln
    Regenbögen basteln, PomPom-Tiere, Tierköpfe aus Eierkarton, Gipsfiguren gießen und bemalen, Steine anmalen für diverse Mutmach-Steinstraßen ...
  • Merkspiele
    Puzzles, Memory, „Ich packe meinen Koffer“ – wir kennen sie ja alle!
  • Entertainment
    Hörspiele, Kasperltheater, Lesestunde in der eigens gebauten Höhle ...

to be continued ...

 

Bildnachweis: Jule Greiner-Adam

 


 

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