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A rolling stone gathers no moss, focus selective.

Das haut mich nicht um!

Corona verlangt uns allen viel ab. Für manchen wird das zu viel und seine Seele geht in die Knie. Warum aber stecken die Einen persönliche und äußere Katastrophen wie Corona einfach weg, während die anderen viel früher und bei scheinbaren Kleinigkeiten zerbrechen? Ein wichtiger psychologischer Ansatz: Resilienz.

Eigentlich sind wir Menschen zäh. Im Lauf der Evolution haben wir unsere Anpassungsfähigkeit an geänderte oder widrige Umstände bewiesen. Wir sind in der Lage, unser Zusammenleben sinnvoll, synergetisch und effizient zu gestalten, und werden vor lauter Gesundheit immer älter. Das ist die eine Seite der Medaille.

Und hier die andere: In manchen Regionen unserer Welt kämpfen die Menschen um die nackte Existenz. Sie müssen mit den Folgen der Überbevölkerung und des Klimawandels umgehen: Hunger, Seuchen wie zur Zeit die Corona-Pandemie, Kriege, Flucht und eine zunehmend feindliche Umwelt. Im Gegensatz dazu ist das Leben in den Industrienationen relativ sicher, aber nicht zuletzt dank moderner Technologien so effizient und dicht gepackt, dass unsere Gehirne um ein Vielfaches mehr an Reizen und Informationen verarbeiten müssen. Manche von uns „brennen aus“. Sie entwickeln körperliche und/oder seelische Erkrankungen: Depressionen und Süchte sind nur zwei davon.

In beiden Szenarien gibt es belastende Umstände und schlimme Erlebnisse jeder nur möglichen Ausprägung. Das Eigenartige: In beiden Welten gehen die Einen weiter gesund und aufrecht durch ihr Leben, obwohl sie objektiv dieselben Lasten zu stemmen haben, an denen andere wiederum kaputt gehen.

Resilienz: Teflon auf der Seele?

Was also macht den Unterschied? Das Phänomen dieser besonderen Widerstandsfähigkeit der menschlichen Seele bezeichnet die Psychologie mit „Resilienz“ (lateinisch resilire = abprallen). Der Begriff taucht erstmals in den 1950er Jahren noch recht unspezifisch in der Psychologie auf. In den 1960er Jahren entdeckte dann Norman Garmezy, dass sich Kinder mit zwei schizophrenen Elternteilen oftmals zu gesunden und sozial erfolgreichen Erwachsenen entwickelten. Der mögliche genetische Nachteil und/oder die belastenden familiären Umstände der Kindheit und Jugend haben diese Menschen in ihrer gesunden und nach allgemeinen Maßstäben erfolgreichen Entwicklung nicht beeinträchtigt: Eine spannende Beobachtung.

Maßgeblich wurde der Begriff aber in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts geprägt. Die amerikanischen Forscherinnen Emmy Werner und Ruth Smith beschäftigten sich damals mit der Frage, wie sich Armut, psychisch kranke Eltern, Kriminalität und Drogen auf Kinder auswirken. In einer Langzeitstudie mit 698 hawaiianischen Kindern des Geburtsjahrgangs 1955 fiel auf: Von dem etwa einen Drittel der Kinder, die in ein sozial prekäres Umfeld hineingeboren wurden, entwickelte sich wiederum ein Drittel trotzdem zu erfolgreichen, aktiven und psychisch gesunden Erwachsenen. Daraus schlossen die Wissenschaftlerinnen: Resiliente Menschen verfügen möglicherweise über ein Set nützlicher „Instrumente“ – Persönlichkeitsmerkmale, Einstellungen, Strategien – mit deren Hilfe sie mit den negativen Umständen zurechtkommen oder sich sogar aus ihnen lösen: Sie sind oder werden zu resilienten Menschen.

Persönliche Schutzfaktoren

Warum waren diese Kinder resilient, die anderen aber nicht? Werner et al. identifizierten drei wesentliche Gruppen von Schutzfaktoren: Persönlichkeitsmerkmale, Schutz innerhalb der Familie und Schutz außerhalb der Familie. Diese resilienten Kinder, die als Erwachsene erheblich weniger Sozialisierungsprobleme zeigten, waren in der Tendenz eher Mädchen, eher intelligent und leistungsorientiert, in ihren Impulsen kontrolliert und realistischer in ihren Zukunftsvorstellungen als die nicht-resilienten Kinder. Sie wiesen eine starke soziale Komponente auf: Sie zeigten sich sozial angepasster, öffneten sich ihrer Umwelt eher emotional als die anderen Kinder und waren in der Lage, eigene Schwächen zu erkennen und um Hilfe zu bitten. Oft übernahmen sie auch schon früh Verantwortung innerhalb oder außerhalb der Familie.

Auch andere Studien zeigten: Rein statistisch wachsen resiliente Kinder häufiger in bildungsorientierten, klassischen Vater-Mutter-Kinder-Familien oder im Kontext verlässlicher Mehr-Generationen-Strukturen auf. Meist sind die Eltern berufstätig und die Zahl der Geschwister ist eher niedriger. Auch wenn die sozialen Umstände einer Familie prekär zu nennen wären: wenn es den Eltern dennoch gelingt, sich dem Kind achtsam und wertschätzend zuzuwenden, ist dies Resilienz-fördernd. Es hängt aber nicht an der Familie allein. Stehen innerhalb der Familie verlässliche Bezugspersonen nicht zur Verfügung, so können andere stabile Bindungen dieses Manko durchaus auffangen. Soweit die Empirie.

Resilienz entwickeln

Bin ich als Kind, als Jugendlicher oder als Erwachsener mit niedrigem Resilienzlevel dazu verurteilt, in Krisenphasen psychisch zu erkranken? Oder kann ich meine persönliche seelische Widerstandsfähigkeit aktiv stärken? Resilienz als Konzept geht davon aus, dass manche Menschen gute – nicht zuletzt psycho-soziale – Verhaltensweisen und Eigenschaften innehaben, aber auch im Lauf des Lebens entwickeln, und so mit widrigen Umständen erfolgreich zurechtkommen. Hinweise liefert abermals die Hawaii-Studie: die persönliche Resilienz eines Menschen kann sich im Verlauf seines Lebens durchaus verändern und veränderten Bedingungen anpassen. Resilienz kann man erwerben!

Moderne psychotherapeutische Verfahren vermitteln genau dies: Auch wenn die äußeren Umstände oftmals nicht veränderbar sind, die eigenen Einstellungen und Verhaltensmuster beziehungsweise -strategien sind es. Die kognitive Verhaltenstherapie bearbeitet gezielt die persönlichen Überzeugungen und identifiziert individuelle Ressourcen. Die Schule ist doof? – Aber sie ist ein vielversprechender Weg aus einem destruktiven Milieu! Meine psychisch kranken Eltern kümmern sich nicht um mich? – Es gibt da aber noch die geliebte Oma, den Trainer im Fußballclub, die tolle Lehrerin! Gestalte dein Leben, glaube an dich und deine Möglichkeiten. Dies gilt dabei nicht nur für Kinder und Jugendliche.

Ich kann das!

Resiliente Menschen weisen oft eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung auf: Ich kann das! Ich werde es schaffen, aus der Krise zu kommen! Gab es vielleicht schon einmal problematische Situationen, die erfolgreich bewältigt wurden? Was hat der Patient damals getan, wie fühlte sich dies an? An diesem Vertrauen in sich selbst kann therapeutisch bei psychisch kranken Menschen gearbeitet werden: die eigenen Stärken identifizieren und das Selbstvertrauen in sich festigen, sein Leben und seine Gesundheit aktiv anzugehen. Mit den ersten kleinen Erfolgen verstärkt sich oft dieser Prozess und gewinnt an Fahrt.
In der Prävention ist ebenfalls die Ressourcenarbeit wichtig: Welche inneren Ressourcen – Eigenschaften, Kenntnisse, Fertigkeiten, Interessen, persönliche Stärken – habe ich? Welche äußeren: Familie, Freunde, soziales Umfeld, Beruf? Welche Möglichkeiten und Alternativen können sich mir eröffnen, wenn ich diesen oder jenen Schritt gehe? Wie sehen machbare nächste Schritte für mich überhaupt aus? Wo hole ich mir Hilfe und Stärke in einer Krise, wo Orientierung für mein Leben? Dazu gehört ganz wesentlich: Ein „Ja!“ zum Leben im Sinne von „Es hat alles einen Sinn“.

Resilienz in der Psychiatrie

Bis heute gibt es viele Forschungsprojekte zu unterschiedlichen Resilienz-Settings: Zur Frage etwa, welchen Einfluss Kultur, Religion und Gesellschaft auf die menschliche Resilienz haben.
In der modernen Psychiatrie wurde die Bedeutung von Resilienz im Kontext von verschiedenen Erkrankungen untersucht. Es gibt Hinweise, dass resiliente Menschen weniger oft oder weniger schwer an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Auch scheint Resilienz einen gewissen schützenden Effekt bei depressiven Erkrankungen zu haben.
Mittlerweile hat sich der Resilienz-Begriff erheblich erweitert. Er betrachtet nicht mehr allein die persönliche seelische Robustheit in krisenhaften Ausnahmesituationen und die Entwicklungsfaktoren von Resilienz. Wesentlicher ist heute der Aspekt der Prävention: Wie übernimmt man als Mensch für sich selbst Verantwortung und hält sich gesund (Psychohygiene)? Aber auch: Wie misst und fördert man Resilienz auf Meta-Ebenen, zum Beispiel in Arbeitsorganisationen?

Aktuell richtet sich der wissenschaftliche Fokus auch auf das Gehirn als Resilienzorgan. Die neuronale Plastizität des Gehirns ist bis ins hohe Alter gegeben, das heißt das Gehirn verändert sich ein Leben lang, und mit ihm die Entwicklungs- und Lernprozesse, die die Persönlichkeit und damit auch die persönliche Resilienz beeinflussen. Man versucht herauszufinden, welche Gehirnareale bei resilienten Menschen besonders gut vernetzt sind. Aber auch die Frage, ob Stress dauerhafte Spuren in den Genen hinterlässt oder welche Rolle die Epigenetik spielt, ist spannend: Sie wird als zweiter genetischer Code interpretiert, der durch äußere Faktoren wie Lebensstil, Umweltfaktoren, Stress beeinflusst wird.

Am Ende dieses Beitrags wird sich manche Leserin, mancher Leser jetzt fragen: Bin ich selbst resilient? Verfüge ich wenigstens über einige der oben zitierten Schutzfaktoren, die auf eine „gesunde“ Resilienz hinweisen? Wenn nein – was dann? Keine Sorge: Wer weniger resilient ist oder glaubt, weniger resilient zu sein, muss nicht zwangsläufig in Lebenskrisen psychische Krankheiten entwickeln. Nutzen Sie die Anregungen eher zur eigenen „Inventur“ in Sachen seelischer Robustheit. Denn wie gezeigt: Resilienz kann man erwerben. In jedem Lebensalter.

 

Hinweis: Dieser Beitrag erschien erstmals in unserem Unternehmensmagazin SYNAPSE (Mai 2016).

Bildnachweis: Kampol Jongmeesuk über iStock

 


 

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