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Hey, Sister! - Leben mit Depression

Sie ist Mitte Dreißig, erfolgreiche Bloggerin und Journalistin. Sie lebt ein ganz normales Leben mit Kind, Partner und Job. Und sie hat seit 15 Jahren Depressionen. Die Regensburgerin Susi Braun kann in Sachen Krankheit nicht nur mitreden: Sie hat etwas zu sagen.

Ich treffe sie im Café zweitesLEBEN am Bezirksklinikum Regensburg. Sie kennt das Café, denn sie kennt das Bezirksklinikum. Susi Braun ist eine große Frau, schlank, mit langen blonden Haaren und außergewöhnlichen grünen Augen. Gepflegt, modisch und bildhübsch. Eine, die auffällt, vor allem durch ihr entwaffnendes Lachen. Sie wirkt wie jemand, dem im Leben alles gelingt, der in sich ruht, voller Energie und Ideen ist. Deswegen kann ich gar nicht anders und muss sie gleich zu Anfang fragen: Kann man depressiv und gleichzeitig glücklich sein? „Klar kann man!“, kontert sie.

Langer Weg

Dabei war und ist ihr Weg mit der Depression kein Spaziergang. Sie ist kaum 20 Jahre alt, als sie sich selbst ins Krankenhaus einweist. Damals studiert sie gerade Pädagogik in Regensburg. Eine stressige Zeit. „Ich dachte, ich habe einen Herzinfarkt! Meine ganze linke Seite tat mir weh. Ich hatte eine Sterbensangst“, erinnert sich Braun. Zur selben Zeit litt sie schon unter diversen Ängsten: „Es kam alles zusammen – Angst vor Höhen, vor engen Räumen, vor zu vielen Menschen, vor Dunkelheit … nur Spinnen habe ich nicht gefürchtet“, erzählt die junge Frau. Dass ihre körperlichen Beschwerden mit ihren Ängsten zu tun haben könnten, kam ihr damals nicht in den Sinn.

Aus Angst wurde Depression

Zur Angst gesellte sich eine ausgewachsene Depression. Sie ist ihr geblieben. Mehrere Male war Susi Braun in stationärer Behandlung und kennt das Auf und Ab ihrer Krankheit – inklusive postnataler Depression nach der Geburt ihrer Tochter. „Meine Depression ist chronisch-rezidivierend, das heißt sie gibt einige Zeit Ruhe und schaut dann wieder vorbei.“ Sie hat seither etliche Therapien ausprobiert. „Natürlich sind Medikamente ein Thema. Die große Herausforderung ist, das Richtige mit der richtigen Dosierung zu finden“, erklärt sie. Dabei hat sie über die Jahre immer wieder die Hoffnung, auf die eine Therapie, auf das eine Mittel zu stoßen, das sie vollständig und dauerhaft heilt. „Irgendwann ging mir auf, dass meine Depression wahrscheinlich ein Lebensthema für mich sein würde“, sagt Susi Braun heute.

Der Weg zu sich selbst

„Die Krankheit ist sehr individuell. Genauso individuell ist der Therapiemix, den jeder für sich braucht. Für mich war lange Zeit wichtig, mich und mein Leben richtig zu analysieren. Ich habe mich mehrmals komplett selbst ‚durchgekaut‘“, erzählt sie. Irgendwann verstand Susi Braun, dass es für sie bei der Analyse nicht darum ging, den „wunden Punkt“ in ihrem Leben zu finden, ihn zu heilen „… und dann glücklich bis ans Ende meiner Tage zu leben – das klappt nur im Märchen.“ Die Analyse half ihr, sich selbst besser zu verstehen: „Was stresst mich, was triggert meine Krankheit, wie kann ich mich selbst stärken – dann kann ich mit meiner Krankheit besser klarkommen, sie steuern.“

Aus der Deckung kommen

Susi Braun geht sehr offen mit ihrer Depression um: „Verstecken ist keine Lösung. Psychische Krankheiten sind Krankheiten und nichts, wofür man sich schämen muss.“ Trotzdem raten ihr viele Menschen „… die Klappe halten und nach außen so tun, als wäre alles in bester Ordnung.“ Susi Braun wird ernst. „Depression ist eine verdammt häufige Krankheit. Ich lerne so viele Menschen kennen, die depressiv sind und Angst haben, dass es bekannt wird. Nur hinter vorgehaltener Hand reden sie Klartext.“ Dabei hungern sie nach Austausch und Akzeptanz. Viele davon sind wie Susi Braun: Man sieht ihnen die Depression kein bisschen an.

Klartext

Braun schreibt seit einiger Zeit einen Internet-Blog. Über 40.000 LeserInnen schauen inzwischen monatlich vorbei. In „Hey Sister!“ erzählt sie nicht über die Krankheit, sondern über Powerfrauen, ihr eigenes Leben, ihre Herzensthemen. Und dazu gehört auch die Depression. Unter anderem, als Detail. „Gerade habe ich über ein Wellness-Wochenende mit meinem Freund geschrieben. Mode und Lifestyle machen mir Spaß, aber Philosophie, Kultur und Politik bewegen mich ebenso“, zählt sie auf. Und dennoch: Ein Posting geht durch die Decke – ihre Schilderung einer biometrischen Methode zur Behandlung der Depression …

Magnetfelder

Sie hat diese Therapie am Bezirksklinikum Regensburg kennen gelernt und Susi Braun ist von der Wirksamkeit der transkraniellen Magnetstimulation (TMS) überzeugt, wo mittels Magnetfelder bestimmte Gehirnregionen von außen angeregt werden – vollkommen schmerzfrei. „Das ist ein echtes Wow. Ich habe gleich nach der ersten Behandlungsphase gespürt, wie ich mich stabilisiere“, erzählt sie. Sie konnte in der Folge ihre Medikamentendosis stark reduzieren. „Die TMS hat das irgendwie ausgeglichen – und das soll heißen: bei mir und bislang.“ fährt Braun fort.

Das Streben nach Glück

Zurück zu meiner Frage nach dem Glück. Ich will wissen, wie Susi Braun heute Glück definiert. „Ich habe ein supertolles Kind und mein Partner steht fest zu mir“. Das kommt spontan, aber sie denkt weiter nach, sucht nach den richtigen Worten für eine Erklärung, die überraschend ist: „Meine Depression ist nicht ‚nur‘ schlecht. Sie macht meine Emotionen tiefer: Ich tauche tiefer in die Traurigkeit ein als andere, aber das Auftauchen ist eine wunderbare Phase, voller Energie, Erwartung und Freude. Die Depression hat mich gezwungen, mich selbst genau kennenzulernen. Ich bin im wahrsten Sinn des Wortes selbstbewusst.“ Eine junge Frau, die auf einem guten Weg ist.

 

Hey Sister! Blogazine

Wer mal in Susi Brauns Leben reinschauen/-lesen mag:

 

Bildnachweis: privat