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Die Würde des Menschen ist unantastbar

Bezirk Oberpfalz gedenkt der Opfer der T4-Krankenmorde während der NS-Zeit

Am 4. November 2015 jährt sich zum 75. Mal der Beginn der Deportationen psychisch kranker und behinderter Menschen aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Die Ermordung der 641 Opfer in den Jahren 1940/41 war Teil der NS-Vernichtungsmaschinerie, die sich gegen damals so genannte „unnütze Esser“ und Millionen Menschen richtete, die wegen ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit, ihrer politischen Einstellung oder sexuellen Orientierung ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden.

 „Im Erinnern liegt die Wurzel für die Aufmerksamkeit in der Gegenwart“, sagte Bezirkstagspräsident Löffler. Es müsse darum gehen, Strukturen und Entwicklungen zu verhindern, die solche Taten möglich machen. Deshalb ist der Bezirk Oberpfalz Partner des „Runden Tisches Erinnerungskultur“, in dem die Stadt Regensburg, die Volkshochschule und das Katholische und Evangelische Bildungswerk Initiativen zur Gedenkkultur an die NS-Zeit erarbeiten. Ein erstes Resultat des Runden Tisches ist eine Reihe zur T4-Thematik, die jetzt im Oktober anläuft und bis Dezember unter dem Motto „Erinnern. Nicht vergessen“ insgesamt sieben Veranstaltungen bietet. „Dieses Erinnern sind wir den Opfern des Nationalsozialismus schuldig“, betonte Regensburgs Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, und das gelte für alle Generationen. Wolbergs lobte den Bezirk Oberpfalz für den offenen Umgang mit dem Erbe aus der NS-Zeit und hob hervor, dass heute in den Bezirkskliniken jeden Tag im Umgang mit Patienten und Besuchern die Lehre aus den T4-Krankenmorden gelebt würde: Es gäbe keinen Unterschied in der Wertigkeit der Menschen.

Dr. Fried-Eckart Seier, Direktor Medizinische Leistungen der medbo KU, bekräftigte die Verantwortung der Ärzte und Pfleger für psychisch kranke Menschen im Klinikalltag, die „keine Lobby haben und zu den besonders schutzbedürftigen Menschen in unserem Gemeinwesen gehören.“ Seit vielen Jahren gehen der Bezirk Oberpfalz und die medizinischen Einrichtungen medbo KU offen mit der eigenen Geschichte um.

Michael Bossle, Dekan und Professor für Pflegepädagogik an der Technischen Hochschule Deggendorf, schilderte beeindruckend seinen Weg als Schüler an der Krankenpflegeschule des Bezirks bis zum Lehrer an derselben Schule mit der Zielsetzung, die Ursachen und Folgen der T4-Krankenmorde zum Schwerpunktthema im Lehrplan zu machen. Im Rahmen der T4-Gedenkveranstaltungen bietet er am 7. November eine Fahrt zur Tötungsanstalt Hartheim an (siehe Programm). Sein Lehrprogramm für pflegende Berufe wird auch von Schulen in Deutschland und Österreich genutzt, in seiner Vermittlungsarbeit stützt er sich auf die faktenreiche Dokumentation von Prof. Dr. Clemens Cording, ehemaliger stellvertretender Ärztlicher Direktor am Bezirksklinikum. (siehe Programm)

„Wir betrauern nicht nur die Opfer dieser Morde“, sagte Cording, „sondern wir müssen uns auch mit der Geschichte der Täter beschäftigen“. Ausgrenzende Begriffe wie zum Beispiel „die Asylanten“ seien der erste Schritt, um bestimmten Menschen unser Mitgefühl zu entziehen und ihre Menschenwürde einer Bewertung nach beliebig festgelegten Maßstäben auszuliefern. „Die Täter sind mehr in uns als wir wahrhaben wollen“, betonte Cording. Für ihn sind die Veranstaltungen zum T4-Gedenktag unverzichtbare „Stolpersteine“ zum Nachdenken. Das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung, die Anstrengungen zur Integration von Flüchtlingen aus Bürgerkriegsgebieten: Alle Gesprächsteilnehmer waren sich darin einig, es muss darum gehen, den Kernsatz des Grundgesetzes mit Leben zu füllen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Hier können Sie das komplette Programm der T4-Gedenkveranstaltungen in der Oberpfalz downloaden.