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Erinnern. Nicht vergessen.

75. Jahrestag des ersten T4-Krankenmord-Transportes aus Regensburg

Die offizielle Gedenkfeier am 4. November 2015 in der Krankenhauskirche St. Vitus erinnerte an die Opfer der sogenannten „T4“-Krankenmorde in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll, heute Bezirksklinikum Regensburg. Gemeinsam mit dem Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer, Bezirks-Dekan Eckhard Herrmann und Ilse Danziger, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Regensburg, legte Bezirkstagspräsident Franz Löffler einen Kranz an der T4-Gedenktafel auf dem Gelände des Bezirksklinikums nieder.

In einer eindrucksvollen Rede schilderte Bezirkstagspräsident Franz Löffler den knapp 170 Gästen die Geschehnisse rund um diesen denkwürdigen Tag. Denn auf den Tag genau am 4. November vor 75 Jahren wurde das dunkelste Kapitel des Bezirksklinikums Regensburg aufgeschlagen. 117 Patientinnen und Patienten aus der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll wurden mit den berüchtigten „grauen Bussen“ nach Hartheim bei Linz geschickt. Das Ziel des Transports war eine der insgesamt sechs Tötungsanstalten auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches, die man für die systematische Ermordung von Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen errichtet hatte. Noch am gleichen Tag wurden diese 117 Menschen in Hartheim mit Kohlenmonoxyd-Gas ermordet.

Generalprobe für den Holocaust

Löffler schilderte die unterschiedlichen, fatalen Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft: Die Degeneration der wissenschaftlichen Vererbungslehre zum Rasse-Begriff der Nazis und seiner Definition „lebensunwerten Lebens“, und in der Folge die systematische Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen als Vorlauf für den organisierten Massenmord der Nazis an Menschen aufgrund deren Religion, Rasse oder politischen Überzeugung.
Der 4. November mahne in besonderer Weise, sich an die Opfer des nationalsozialistischen Unrechtssystems zu erinnern und ihrer zu gedenken, so der Bezirkstagspräsident. Darüber hinaus müsse von solchen Veranstaltungen aber immer auch der Impuls ausgehen, sensibel zu werden und zu bleiben. Denn die Versuchung, den Menschen ökonomisch zu berechnen und zu bewerten, gebe es auch in unserer heutigen Zeit.

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Löffler wies auf die Gefahr hin, so bestimmte Menschen als Person abzuwerten und aus der Gemeinschaft auszugrenzen. Der Bezirkstagspräsident betonte: „Wir haben erst dann die richtigen Konsequenzen aus der Vergangenheit gezogen, wenn wir uns als Verantwortliche in der Politik, im medizinischen und sozialen Bereich, in Wirtschaft und Gesellschaft jeden Tag für die Würde des menschlichen Lebens einsetzen.“

Der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer bezeichnete die Arbeit der medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz (medbo) als der heutigen Nachfolgeeinrichtung als vorbildlich und dankte allen in der Psychiatrie und in der Arbeit mit behinderten Menschen Tätigen.

Mit dem Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizäcker „Wer vor der Vergangenheit die Augen schließt, wird blind für die Gegenwart“, forderte der Bezirksdekan Eckhard Herrmann dazu auf, dem Vergessen, Verdrängen oder gar Verharmlosen des Geschehenen entgegenzutreten.

Jüdische Patienten unter den Regensburger T4-Opfern

Die jüdische Gemeinde Regensburg begrüße es, dass in diesem Jahr mit einer Gedenkfeier der Ermordung der psychiatrisch Kranken der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll im Rahmen der „Aktion T4“ gedacht würde, so deren Vorsitzende Ilse Danziger. Die jüdische Gemeinde erinnere dabei auch an die Deportation der zwölf jüdischen Kranken aus Karthaus-Prüll in die „Sammelanstalt“ Eglfing-Haar. Am 20. September waren sie von dort gemeinsam mit den jüdischen Psychiatriepatienten der anderen bayerischen Anstalten in die „Tötungsanstalt“ Hartheim gebracht und mit Kohlenmomoxyd-Gas ermordet worden. „Ihr Tod und die Ermordung von 641 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll in der NS-Zeit sind uns Mahnung und Verpflichtung zugleich, gegen jegliche Form von Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung entschieden Stellung zu nehmen“, schloss Danziger ihren Beitrag.

Die T4-Krankenmordaktion in der NS-Zeit

Ohne Rechtsgrundlage und entgegen den bestehenden Gesetzen unterzeichnete Adolf Hitler im Oktober 1939 eine geheime Ermächtigung, „die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“. Unter dem Decknamen „Aktion T4“ wurde in Berlin in der Tiergartenstraße 4 (daher der Name T4) eine zentrale Geheimbehörde zur bürokratischen Abwicklung der Massentötungen eingerichtet.
Es ging den Nazis um die gezielte Vernichtung derjenigen Kranken, die „zu keiner produktiven Arbeitsleistung“ im Sinne des NS-Regimes fähig waren. Bereits am 9. Oktober 1939 wurde festgelegt, dass 65.000 bis 70.000 Kranke getötet werden sollten: 20% der damals in den Heil- und Pflegeanstalten untergebrachten Patienten. Am Ende waren es 70.273 Opfer.

Auch Patienten der Regensburger Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll waren betroffen. Auf Anweisung der T4-Zentrale wurden zudem hunderte chronisch psychisch kranke und behinderte Menschen aus caritativen Pflegeheimen nach Karthaus-Prüll verlegt. Insgesamt wurden zwischen dem 4. November 1940 und dem 5. August 1941 in fünf Transporten 641 Patienten aus Regensburg nach Hartheim deportiert und dort am selben Tag mit Kohlenmonoxyd-Gas getötet.

Am 4. November 2015 jährt sich die erste Deportation aus Regensburg in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz zum 75. Mal. Der Bezirk Oberpfalz und sein Krankenhausträger medbo, die Stadt Regensburg und die Volkshochschule Regensburg, die Katholische Erwachsenenbildung Regensburg Stadt und das Evangelische Bildungswerk Regensburg rufen anlässlich dieses Jahrestags eine Veranstaltungsreihe ins Leben, die die T4-Krankenmordaktion in Regensburg in Erinnerung bringen soll.