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Visite-Vortrag zum Thema Blitzschlag

Vom Blitz getroffen…medbo bietet Zentrum für Blitzopfer

 

Als Heinz R. (Name geändert) einen Blitzschlag überlebt hat, kamen plötzlich Beschwerden und Probleme auf, die er nur schwer zuordnen konnte. Hilfe suchte er in der Klinik für Neurologie der Universität Regensburg am Bezirksklinikum. Hier ist eines der wenigen Zentren für die Behandlung von Blitzopfern mit Früh- und Spätschäden in ganz Deutschland.Am Donnerstag, 2. Juni 2016, um 19 Uhr referiert Prof. Dr. Berthold Schalke am IBP des Bezirksklinikums Regensburg zum Thema Neurologische Schädigungen bei Blitz- und Stromschlag. 

Verletzungen durch Blitze sind relativ selten: Nur etwa 100 Fälle gibt es pro Jahr in Deutschland. Circa 10 bis 20 % der Verletzten sterben an den Folgen des Blitzschlages. „Dies ist auch der Grund, warum das Forschungsinteresse in Bezug auf Personenschäden relativ gering ist“, vermutet Professor Dr. Berthold Schalke, Leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universität Regensburg am Bezirksklinikum.

Wirkung des Blitzschlags

Der Strom fließt nicht gleichmäßig durch den menschlichen Körper, da die Gewebe einen unterschiedlichen elektrischen Widerstand haben. So leiten Fettgewebe und Muskeln deutlich schlechter als etwa Nervenbahnen oder Gefäße. Der größte Anteil der Stromspannung oder des Stromes fließt wohl über die Haut ab.
Erstaunlich ist, dass trotz der immens hohen Temperaturen eines Blitzes mit weit über 5000 Grad es meist nur zur Verbrennungen zweiten Grades kommt. Das heißt Rötung und Blasenbildung, aber keine Verkohlung. Dies liegt daran, dass die Zeitdauer der Einwirkung sehr kurz ist, maximal eine Sekunde. Schädigungen können auch an den Augen oder im Ohr entstehen.

Die Patienten, die sich in der Neurologie vorstellen, klagen in der Regel über zwei wesentliche Beschwerdegruppen: zum einen, dass sie den Eindruck haben, kognitiv nicht mehr so fit zu sein. Sie können sich keine Dinge mehr merken, Arbeitsabläufe, die früher ohne Probleme abgewickelt wurden, brauchen sehr viel länger. Diese Patienten fühlen sich einfach nicht mehr so leistungsstark. Zusätzlich kommen häufig depressive Symptome hinzu, mitbedingt durch die posttraumatische Belastungsstörung, sowie sehr oft eine Furcht vor aufziehenden Gewittern oder lauten Geräuschen.

Das neurologisch eindrucksvollste Krankheitsbild findet sich unmittelbar nach der Akutphase: die sogenannte Keraunoparalyse, auch Blitzlähmung genannt. Dabei sind die Patienten mehr oder minder komplett gelähmt. Diese Lähmung bildet sich aber innerhalb von Stunden wieder zurück. Es kann auch zur Bewusstlosigkeit, Verwirrtheit und Sensibilitätsstörungen kommen. Mit der höchsten Sterblichkeit verbunden sind direkte Blitzeinschläge in den Kopf. Dabei kann es zu Blutungen und schweren Kontusionen kommen. Auch das Rückenmark kann in diesen Fällen geschädigt werden, da es einen sehr guten Leiter für den Strom darstellt.

Diagnose und Therapie

Die oben genannten Symptome bilden sich meist innerhalb der folgenden Tage mehr oder minder zurück. Die Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen bleiben oft lange bestehen, eventuell als Dauerschaden. Die Bildgebungsbefunde bis hin zum Kernspin sind dabei sehr oft unauffällig, so dass nicht blitzerfahrene neurologische Gutachter keine signifikanten Schäden feststellen. „Mit Hilfe einer differenzierten neuropsychologischen Testung gelingt es uns aber sehr oft, schwere neuropsychologische Defekte bis hin zu 100 % Minderung der Erwerbsfähigkeit zu diagnostizieren“, führt Prof. Dr. Schalke aus. Gelingt die frühzeitige Erfassung dieser Schäden, ist eine ebenso frühzeitige neurologische Rehabilitation durchaus erfolgsversprechend.

Im peripheren Nervensystem klagen die Patienten sehr oft über unspezifische Symptome, die in der konventionellen neurologischen Untersuchung oft nicht nachgewiesen werden können. Auch die Messung der konventionellen motorischen oder sensiblen Leitgeschwindigkeiten führt in der Regel zu keinem pathologischen Befund. Die Symptomatik wird deshalb von den Gutachtern meist als psychogen eingestuft.

„Wir konnten aber zeigen, dass bei Blitzschäden, die dünnen unbemarkten Fasern in der Haut beschädigt werden. Diese sogenannten ‚small fibers‘ sind für die Temperatur und Schmerzleitung verantwortlich“ beschreibt der Leitende Oberarzt. Deshalb kann man solche Schäden nur mit hochspezifischen Testmethoden zur unterschiedlichen Temperaturempfindung nachweisen. Mittlerweile ist es dem Regensburger Team auch gelungen, die Befunde histologisch zu bestätigen.
Im Rahmen der Arbeit stellten sich immer mehr Patienten mit Zustand nach Blitzschlagverletzung vor, teilweise wurden sie von den Berufsgenossenschaften gezielt geschickt, da die Schäden bei dieser Personengruppe sehr oft von nicht blitzschlagerfahrenen Gutachtern vollkommen falsch eingestuft worden. Bei etlichen Blitz- aber auch Stromschlag geschädigten Patienten konnten die Schädigungsfolgen nachgewiesen und damit in die Begutachtung mit einbezogen werden.

Neue Gefahrenquelle: Gleichstrom

Ein wesentliches Problem ist, dass sich nur sehr wenige Mediziner mit den klinischen Folgen von Blitzschlagverletzten ernsthaft beschäftigen. Das liegt sicher an der relativ geringen Patientenzahl. In Deutschland betreuen die Mitarbeiter in der Neurologischen Poliklinik die größte Gruppe an Patienten mit Blitzschlagverletzungen. In Zukunft ist zu erwarten, dass sich das rapide ändert, denn Blitzschlagverletzungen ähneln denen bei Gleichstromverletzungen.
Gleichstrom spielte vor wenigen Jahren kaum eine Rolle. Allenfalls in der Industrie wurden Präzisionsmaschinen mit Gleichstrom betrieben. Heute produziert jede Solaranlage auf einem Hausdach Gleichstrom und es existieren zunehmend mehr Elektroautos mit hohen Batterieladungen, so dass davon auszugehen ist, dass in Zukunft mehr Gleichstromverletzungen mit entsprechenden Verletzungsbildern auch auf dem neurologischen Gebiet auftreten werden.

Erste Hilfe

Kommt es zu einer Blitzschlagverletzung einer Person, sollte man, falls erforderlich, unmittelbar mit den Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen. Dies ist auch möglich, da der Körper des Verletzten nicht mehr von Strom durchflossen ist, wie das bei technischen Stromverletzungen der Fall sein kann. Viele der Todesopfer könnten wahrscheinlich noch leben, wenn ein Ersthelfer in der Nähe gewesen wäre, der unmittelbar mit Reanimationsmaßnahme hätte beginnen können.