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ADHS: Ein Leben mit Umwegen

Erst Zappelphilipp, dann Punk-Rocker, jetzt Familienvater. 

Niklas Sander (Name geändert) ist einer von vielen Menschen, bei denen schon als Kind die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert wurde. Auch als Erwachsener hat er noch immer damit zu kämpfen.

Der heute 29-jährige Niklas Sander lebt mit Frau und Kindern im Landkreis Cham. Er ist Projektleiter, in seiner Freizeit sehr aktiv und hat viele Hobbies. Doch anders als gewöhnlich, wechselt er sowohl beruflich als auch privat sehr häufig seine Interessen. Ihm fällt es schwer, sich für längere Zeit für eine Sache zu begeistern. Der Grund: Er wird auch im Erwachsenenalter von ADHS begleitet. Laut Robert-Koch-Institut haben weltweit etwa fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen ADHS. Bei 30 bis 50 %, so Expertenschätzungen, besteht die Störung auch im Erwachsenenalter fort.

ADHS in der Kindheit 
Sander bekam die Diagnose im Vorschulalter und wurde anschließend gut behandelt. „Meine Mutter war sehr hartnäckig und ich wurde auch einfach zur richtigen Zeit geboren“, erklärt Sander. Zur Zeit seiner Diagnosestellung war ADHS bei Kindern ein öffentliches Thema, weswegen er viel Unterstützung bekam. Vor allem seine Mutter war immer an seiner Seite und hat mit ihm verschiedene Ärzte aufgesucht. Anfangs wurde ihm das Medikament Ritalin verschrieben, was ihm auch geholfen hat. Doch ab der zweiten Klasse musste er auf andere Medikamente umsteigen. 

Zombieartig
Mit dem Wechsel der Medikamente legte sich auch ein Schalter beim jungen Niklas um - die verwendeten Präparate scheinen nicht die richtigen für ihn gewesen zu sein. „Ich habe mich ständig benebelt, irgendwie zombieartig gefühlt. Ich konnte meine Wut nicht artikulieren, aber ich wollte mich auch nicht dauernd wegducken.““ Aus diesem Grund setzte er schon als Teenager die Medikamente ab. Als Alternative und aufgrund des Wunsches seiner Mutter hatte er eine schmerzhafte Akupressur-Therapie bei einem Heilpraktiker über sich ergehen lassen – ohne Erfolg.

Punk-Rock statt ADHS
Mit der Pubertät entdeckte er seine Liebe zum Punk-Rock und identifizierte sich schnell mit der Szene. „Die Punk-Rock Szene war eine vollkommene Erlösung, da dort alle anders sind, keiner passt in die normale Gesellschaft.“ Dort musste sich Niklas nicht weiter zusammenreißen, er konnte sein wie er wirklich war: wild, unvorsichtig und auffällig. Die darauffolgenden Jahre bei seiner „zweiten Familie“ waren voller lauter Musik, wilder Exzesse und dem Gefühl der großen Unbeschwertheit. „Es war egal, wenn ich etwas verkackt hatte, ich hatte nichts zu verlieren und musste für niemanden sorgen.“ 

„Ich dachte wirklich, es ist weg“
Seit der Absetzung der Medikamente dachte Sander nur noch in der Vergangenheitsform an seine Krankheit. „Ich war mal ein ADHS-Kind“, beschrieb er sich selbst. Aber als Teenager und als junger Erwachsener kam er eigentlich mit allem gut klar. ADHS war damals kein Thema. 

Doch dann änderte sich seine Lebenssituation. Als er mit 21 Jahren seine jetzige Frau kennenlernte und kurz darauf bereits das erste Kind folgte, wurde ihm bewusst, dass er sich ab jetzt um seine Familie kümmern musste. Mit den damit einhergehenden Strapazen, dem Stress und der großen Verantwortung konnte er nicht so gut umgehen wie nötig.

Veränderung der Symptomatik
Ihm wurde dann erst klar, dass das ADHS vielleicht nie wirklich weg war. Bis dahin war Sander nie in den Sinn gekommen, dass die Symptome, die er aus seiner Kindheit kannte, ihn weiterhin begleiten würden.
Das Krankheitsbild aus Niklas Kindheit hatte sich im Laufe der Zeit einfach auch verändert. Der wesentliche Unterschied besteht heute darin, dass es zu einem Symptomshift kam: Die frühere motorische Hyperaktivität wurde von innerlichen Unruhen und aufbrausendem Verhalten abgelöst. Zudem hat er jetzt vor allem im Winter mit Depressionen zu kämpfen, die nicht selten mit ADHS einhergehen. 

Viele Umwege
Niklas Sander hatte schon viele ADHS-typische Umwege in seinem Leben. Beruflich fällt es ihm schwer, Jobs zu halten. Seine Interessen wechseln einfach zu schnell und Aufgaben, die er eine gewisse Zeit ausübt, werden ihm langweilig. 
Auch bei seinen Hobbies zeigt sich ein ähnliches Bild. Vom Tischler über Musiker bis hin zum Druiden hat er schon alles gemacht. „Sobald es etwas Neues zu lernen gibt, konzentriere ich mich voll und ganz darauf, aber das schlägt schnell in Unaufmerksamkeit und Desinteresse um.“

Selbstmedikation
Mit der Zeit hat Niklas Sander gewisse Coping-Strategien entwickelt, um mit seiner Krankheit im Familienalltag klarzukommen. Ihm hilft es, alles genau durchzuplanen und seinen Tagesablauf und Projekte in kleine Häppchen zu zerlegen. 
Eine weitere Möglichkeit, um seine Erkrankung besser zu kontrollieren, lernte Sander in seiner wilden Zeit kennen. Er merkte schnell, dass Cannabis bei ihm anders wirkt als bei seinen Freund:innen. Er bekam Lust auf Schachspielen, wurde ruhig, wach und konnte sich besser konzentrieren. 

Auch als junger Familienvater nutzte er Cannabis als „Selbstmedikation“, um sich besser auf Haushaltssachen zu konzentrieren und besser schlafen zu können. Doch dieser illegale Konsum blieb nicht ohne Konsequenzen. Spätestens als er seinen Führerschein und damit auch seinen Job verlor, stand für ihn fest, dass er eine andere Art an Unterstützung benötigt.

Alternative Therapie der Männersprechstunde
Zunächst begab sich Niklas Sander in einem privaten Ärztehaus in Regensburg in Behandlung. Dann hörte er vom medbo Zentrum für Psychiatrie in Cham und gelangte zufällig zur dortigen Männersprechstunde. „Ich war begeistert, dass es so ein Konzept gibt. Die Männersprechstunde und der behandelnde Arzt haben mir in einer sehr schweren Zeit auf einen jetzt sehr guten Weg geholfen. Sie haben mich immer unterstützt“, erzählt er. 

In der Männersprechstunde durchlief der Patient nochmals eine ausführliche testpsychologische Untersuchung. Dort bestätigte sich, dass er weiterhin an ADHS leidet. Aufgrund der damit einhergehenden Einschränkungen und Belastungen entschied sich Niklas Sander für eine psychopharmakologische Behandlung. Außerdem lernte er, dass therapeutische Gespräche hilfreich sind, weitere Copingstrategien für für ihn schwierige Situationen zu erlernen.
Aufgrund eines privaten Umzugs musste Sander die Therapie in der Männersprechstunde beenden, aber auch hier hat ihm das Team erfolgreich geholfen, neue Ärzt:innen und Therapiemöglichkeiten zu finden.

Eine Nachricht an alle Männer
„Es ist wirklich keine Schande, als Mann zu zugeben, ein Problem zu haben. Das ist ja nicht mal eine Schwäche, sondern einfach ein Problem. Psychische Krankheiten gibt es, die können jeden in jeder Lebenssituation treffen. Man sollte den Mut haben, sich Hilfe zu holen, denn mit einem gebrochenen Bein macht man das schließlich auch.“ Mit diesen Worten möchte Sander alle Männer daran erinnern, dass es wichtig ist, aufzuhören zu glauben, immer stark sein zu müssen.

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gehört zu der Gruppe der Verhaltens- und emotionalen Störungen und beginnt im Vorschulalter. In der Hälfte der Fälle kann sich die Erkrankung auch bis in das Erwachsenalter fortsetzen.
 
Das Krankheitsbild ist durch drei Kernsymptome gekennzeichnet: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Dabei müssen nicht alle Symptome gleich ausgeprägt sein. Dadurch ergeben sich drei verschiedene Erscheinungsformen, die im amerikanischen Klassifikationssystem für psychische Störungen (DSM-5) voneinander abgegrenzt werden: Die gemischte (ADHS), die vorwiegend unaufmerksame (ADS) sowie die vorwiegend hyperaktiv-impulsive (AHS) Erscheinungsform.

Vor allem im Erwachsenenalter kommt es oft zu einer Verschiebung der Symptomatik, wodurch sich die meist stark ausgeprägte Hyperaktivität beziehungsweise motorische Unruhe vermindert. 

Die Folgen der Erkrankung ziehen sich durch sämtliche Lebensbereiche von Erwachsenen. Im Berufs- und im Privatleben erreichen sie aufgrund ihrer Symptome oft nicht die Ziele, die sie sich ursprünglich vorgenommen haben. Ob ein ADHS behandelt werden muss, hängt immer vom individuellen Leidensdruck der Betroffenen ab.

Kontakt:
medbo Zentrum für Psychiatrie Cham    
Männersprechstunde
Fon +49 (0) 9971/76655-0 | maennersprechstunde-psy-cha@medbo.de

Bild: olly via Fotolia
Text: medbo KU / Johanna Gaich