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Auf Wiedersehen, Otto Brunner!

Fast 20 Jahre leitete er die Schule für Kranke vom Standort Bezirksklinikum Regensburg aus. Ende Juli 2020 ging Otto Brunner nun in den Ruhestand. medbo sprach mit dem Neu-Ruheständler.

Herr Brunner: Waren Sie ein medboianer?

B.: Nein, das war ich nicht. Vielmehr war ich bei der medbo zu Gast und fühlte mich in dieser Rolle hier sehr willkommen. In erster Linie betrafen meine Kontakte natürlich die Partnerschaft mit der medbo Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJPP), die ich vom ersten Tag an (und es sollten viele tausend Tage folgen!) als sehr offen, kooperativ, vertrauensvoll und auf Augenhöhe empfand. Dieses Vertrauen empfand ich als Geschenk. Es war die Grundlage für meine Tätigkeit. Das gilt aber auch für die Verwaltung der medbo. Der Kontakt zu den medboianern war immer angenehm und ich versuchte als guter Gast, soweit es geht, still und unauffällig zu sein. So gesehen fühlte ich mich den medboianern sehr verbunden, ohne selbst einer zu sein.

Welche Aufgaben hat die Schule für Kranke?

B.: In der Überschrift ist das einfach zu beschreiben: Wir unterrichten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der KJPP, einschließlich ihrer Außenstellen in Amberg, Cham und Weiden, in der Kinderuniversitätsklinik Ostbayern (Kuno) und in der Jugendforensik der medbo Regensburg in der Zeit ihres Klinikaufenthalts. In Deutschland gilt die generelle Schulpflicht, auch wenn die Schülerinnen und Schüler sich für längere Zeit in einem Krankenhaus befinden.

Ihre Schülerinnen und Schüler sind also in erster Linie Patienten …

B.: Genau. Und das macht unsere Aufgaben vielschichtig. Da gilt es zuallererst das Kind, den Jugendlichen und seine Probleme zu sehen. Wir schaffen Klarheit über die schulische Situation, das heißt Motivation, Leistungsstand, Leistungsvermögen, Arbeitshaltung. Aber auch über das emotionale Befinden und die sozialen Fähigkeiten. Wir beobachten die Kinder und Jugendlichen im Unterricht und sprechen intensiv mit den Stammschulen und den Kliniken. Daraus ergibt sich dann ein Auftrag an uns, der für jedes Kind anders lautet. Wir formulieren dann Ziele, die wir mit den Schülerinnen und Schülern besprechen. Je nach der Belastbarkeit und der Dauer des Klinikaufenthalts schließt sich danach eine Phase oft intensiven Unterrichts an. Gegen Ende des Aufenthalts beraten wir Schülerinnen und Schüler, Eltern und die Lehrkräfte der Stammschulen und moderieren die Rückführung. Bei Bedarf unterstützen wir auch beim Wechsel in eine neue Schule.

Wie funktioniert das kollegiale Miteinander mit den Kliniken? Es heißt ja immer „Therapie zuerst“…

B.: Therapie geht natürlich immer vor. Schule nimmt aber bei jungen Menschen einen sehr breiten Raum ein in ihrem Leben. Schulprobleme hängen, zumindest bei den Kindern in der KJPP, immer mit ihren psychischen Problemen zusammen. Wir versuchen ihre Ressourcen zu fördern, Therapieansätze auch im Unterricht umzusetzen und positive Entwicklungen zu fördern. Täglich geben wir Rückmeldungen an die Therapeuten und stimmen das weitere Vorgehen ab. Und im Übrigen versuchen wir doch stets einen so normalen Schulalltag wie möglich zu bieten.

Wie kann man sich einen Schultag vorstellen?

B.: Größtenteils werden die Kinder am Morgen auf der Station abgeholt und es erfolgen erste kurze Übergabegespräche mit dem Pflege- und Erziehungsdienst. Im Klassenzimmer beginnen wir mit einem gemeinsamen Morgenkreis, der Kontrolle der Hausaufgaben und der Besprechung des Tagesplans. Die Kinder arbeiten dann nach einer Lernleiter oder einem Wochenplan, jedes an seinem Stoff. Das verlangt viel selbstständiges und diszipliniertes Arbeiten, was manche erst einüben müssen. Lehrerin oder Lehrer begleiten die Kinder durch Einführungsstunden, Hilfen bei Schwierigkeiten, Anleitungen und vielem mehr. Sie organisieren ständig mehrere Unterrichte gleichzeitig. Auch Lernprogramme am Computer oder Lernen im Internet kommen zum Einsatz. Der Vormittag wird auch durch gemeinsame Lernthemen oder größere Projekte für alle und kleine Pausen strukturiert. Am Ende des Vormittags steht eine gemeinsame Reflexion über das Gelernte und das Erreichen der individuellen Ziele.

Wie hat sich die Schule für Kranke in den letzten 19 Jahren entwickelt?

B.: Alle Schulen für Kranke in Deutschland haben sich in dieser Zeit enorm entwickelt. Auch unsere Schule: Weg von der reinen Beschäftigung hin zu einer anspruchsvollen Pädagogik bei Krankheit. Neben den schon genannten Aufgaben bilden wir inzwischen Lehrerinnen und Lehrer fort, haben Praktikantinnen und Praktikanten in den Klassen, sind mit den anderen Schulen für Kranke gut vernetzt und haben auch schon vor der Corona-Pandemie in ersten Versuchen erfolgreich Lernmanagementsysteme und Fernunterricht praktiziert. Die Zusammenarbeit mit den Kliniken hat sich sehr erfreulich entwickelt und intensiviert. Ein großer Schritt war auch die innere Schulentwicklung mit der wir alle Lehrkräfte unserer Schule – besonders auch die der fünf Außenstellen – zusammengebracht haben für gemeinsamen Austausch, Fortbildungen und zu Projekten. Jedes Schuljahr führen wir neue Lehrkräfte in die besondere Arbeitsweise einer Klinikschule ein.

Was ist das Besondere an der Arbeit und Interaktion mit psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen? Welche „Skills“ sind bei einem Lehrer hier besonders gefordert?

B.: Das Leben unserer Schülerinnen und Schüler ist durch die Krankheit meistens gehörig aus seiner Bahn geworfen worden. Fast alle psychisch Kranken bringen bei der Aufnahme auch einen schweren Rucksack mit Schulproblemen mit. Gute Kliniklehrer bauen eine tragfähige Beziehung zu ihnen auf, wissen aber, dass diese zeitlich begrenzt ist. Gute Kliniklehrer lassen sich von der Vielfalt ihrer Schülerinnen und Schüler inspirieren, sie arbeiten intensiv im multiprofessionellen Team und geben Raum für Entwicklung und Neuorientierung in einer belastenden, außergewöhnlichen Lebensphase. Dafür müssen sie lernbereit sein, psychisch stabil, fähig zur Reflexion und engagiert.

Als Leiter der Schule für Kranke sind Sie sozusagen ein „Diener dreier Herren“ ...

B.: Ja, das stimmt schon irgendwie. Der Bezirk sorgte bei Umbau, Erweiterung und Renovierung des Schulgebäudes in Regensburg in den letzten Jahren für eine sehr großzügige Ausstattung. Mit der medbo hatten wir einen hervorragenden Partner, der das operative Geschäft des Sachaufwands übernahm. Die Regierung der Oberpfalz ist vor allem für den Personalaufwand zuständig, was in Zeiten des Lehrermangels durchaus schwierig werden kann.

Auf was freuen Sie sich nun am meisten – und was wird Ihnen am meisten fehlen?

B.: Ich genieße es, wieder mehr Zeit für mich zu haben, für meine Familie und für Freunde. Ich genieße Ruhe und einen entspannten Tagesablauf, in dem das Müssen weniger und das Wollen mehr wird. Fehlen werden mir viele Menschen, mit denen ich so lange und so erfreulich zusammengearbeitet habe.

Alles Gute für Sie, Herr Brunner!

 

Foto: Otto Brunner (vorne Mitte) im Kreis seines Lehrteams 2017 (Quelle: Schule für Kranke Regensburg)