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Die Erste

Es war eine stille Stabübergabe – Corona-bedingt. Am 1. April 2020 übernahm Prof. Dr. Christina Wendl die Leitung des Instituts für Neuroradiologie der medbo Regensburg von Prof. Dr. Gerhard Schuierer. Sie ist damit die erste Frau in einem Ärztlichen Direktorat bei der medbo. Die ersten Wochen im neuen Amt liegen hinter ihr.

Prof. Wendl, wie kamen Sie zur Medizin, wie zum Fach Neuroradiologie?

Durch Umwege! Und sozusagen im Ausschlussverfahren. Wie die meisten Teenager wusste ich lange nicht, wo es mich hinzieht. Meine Mutter sagte, mach doch Medizin, mein Vater, mach doch Jura. Damit war erst einmal beides vom Tisch. Mein Abitur habe ich dann unter anderem in Biologie abgelegt – und auf dem naturwissenschaftlichen Weg bin ich dann doch bei der Medizin gelandet. In die Radiologie habe ich mich dann im Studium sprichwörtlich verliebt – ich liebe das Detektivische in diesem Fach.

Haben Sie gewusst, dass Sie die erste Frau im Amt einer Ärztlichen Direktorin bei der medbo sind?

Nein, so bewusst war mir das nicht. Aber es ist nicht das erste Mal, dass ich das erlebe. Ich war im Medizinstudium auch die erste PJ-Studentin überhaupt im Fachbereich Neuroradiologie an der TU München. Es gibt in der Neuroradiologie vergleichsweise wenig Ärztinnen. Das Fach ist aber auch noch vergleichsweise jung! Der Blick in den Körper, vor allem in den Kopf, ohne großes Blutvergießen, ist faszinierend – die eine oder andere junge Kollegin wird das sicher noch für sich entdecken

Wie waren sie denn, die ersten 100 Tage?

Turbulent! Wir hatten hier am Institut eine Baustelle und mussten unser Archiv umorganisieren. Das haben wir gleich genützt und die Verwaltungsräume der Neuroradiologie renoviert. Aber neben der reinen „Kosmetik“ ging es vor allem um organisatorische Dinge. Wir haben zum Beispiel das Angebot im Bereich Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) erweitert. Bislang hat das Institut Bildgebung vor allem im Bereich Gehirn und Zentrales Nervensystem gemacht. Jetzt haben wir unser Portfolio aufgebohrt und schauen uns auch beispielsweise Gelenke an.

Wie kommt das?

In den psychiatrisch orientierten medbo Kliniken sind die Patienten in aller Regel über einen längeren Zeitraum stationär. Da gibt es on top immer wieder somatische Themen, angefangen vom Sportunfall bis hin zu organischen Themen. Es macht Sinn, zur Abklärung solcher Erkrankungen auch gleich die hauseigene Infrastruktur zu nutzen, bevor man Patienten extern untersuchen lässt. Es gibt in der medbo auch immer mehr medizinische Expertise abseits der Neurologie und Psychiatrie, angefangen bei der Anästhesie und Innere Medizin. Die Kollegen unterstützen wir gerne.

Ihr Start in der neuen Aufgabe war umständehalber leise und sozusagen auf Raten…

Im Grunde war mir das sehr recht. Ich konnte mich in Ruhe – sofern das in einer Krisensituation wie Corona möglich ist – im neuen Job einfinden. Aber das Institut ist mir ja auch nicht ganz unbekannt gewesen. Ich bin seit 2011 Medizinerin am Universitätsklinikum Regensburg (UKR), und seit Herbst 2018 bin ich Professorin an der Universität Regensburg für das Fach Neuroradiologie. Letztes Jahr im April habe ich von Prof. Schuierer auch schon die Leitung des Zentrums für Neuroradiologie am UKR übernommen. Das war Schritt Eins …

Sie leiten zwei Einrichtungen: die Neuroradiologie bei der medbo und die am UKR. Wie kann man sich das vorstellen?

Das medbo Institut und das UKR-Zentrum sind fast so etwas wie siamesische Zwillinge. Seit jeher verschränken sich beide inhaltlich, personell und organisatorisch. Das ist nicht unüblich. Ein Beispiel: Das Regensburger Zentrum für Hirntumoren, für das die Neuroradiologie viel tätig ist, hat ebenfalls zwei Standbeine, in der medbo Neurologie und am UKR. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Universität in einigen medizinischen Fachbereichen die Forschung und Lehre an Kooperationskliniken ausgelagert hat. Eine meiner ersten sozusagen logischen Initiativen aus dieser Verschränkung war übrigens, dass ich die Rotation von Assistenzärzten zwischen medbo und UKR-Radiologie wieder habe aufleben lassen.

Neuroradiologie ist eher eine unterstützende Disziplin …

Ja, aber nicht nur. Bildgebung unterstützt andere medizinische Fachbereiche diagnostisch. Aber wir haben hier bei der medbo ein wichtiges interventionelles Standbein, das mir sehr am Herzen liegt. Mein Vorgänger hat bereits seit Jahren die angiographiegestützte Thrombektomie bei Schlaganfällen, also die Entfernung von Blutgerinnseln im Gehirn mittels Katheter, vorangetrieben und bei der medbo etabliert.

Apropos Forschung: Wo liegen hier Ihre Schwerpunkte?

Ich selber forsche in erster Linie im Bereich Hirntumoren, vor allem Hirnmetastasen. Seit einiger Zeit baue ich hier ein interdisziplinäres Netzwerk auf mit Kolleginnen und Kollegen aus Onkologie, Neurologie, Neuroradiologie und noch einigen Disziplinen mehr. In der klinischen Forschung liegt mein Schwerpunkt auf der interventionellen Neuroradiologie, wo man vor allem mit angiographischer Bildgebung arbeitet. In diesem Bereich habe ich auch eine Schwerpunktprofessur mit Bereichsleitung an der Universität Regensburg.

Sie sprechen viel von „Wir“ …

Ich bin ein Teamplayer. Die Neuroradiologie ist die kleinste klinische Einheit der medbo und damit recht kuschelig. Ich habe hier die Chance, wirklich jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter persönlich zu kennen. Aber ich freue mich, dass ich mit meiner Oberärztin Dr. Isabell Wiesinger und Oberarzt Dr. Stefan Schmid zwei erfahrene Weggefährten an Bord habe.

Was erwartet Sie die nächsten 100 Tage? Was haben Sie vor?

W.: Zwei Themen sind mir taktisch sehr wichtig: Zum einen weite ich mit meinem Kollegen Prof. Dr. Felix Schlachetzki, Chefarzt des medbo Zentrums für Vaskuläre Neurologie und Intensivmedizin, die angiographische Tätigkeit in Richtung elektive und präventive Eingriffe aus. Hier geht es beispielsweise um den Einsatz von Stents zur Gefäßerweiterung, -eröffnung oder -stabilisierung. Und zum zweiten möchte ich unsere „alte Dame“ Röntgen verjüngen: Das Gerät hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Und ich plane gerne rechtzeitig: Die Weihnachtsfeier der medbo Neuroradiologie wäre schon mal unter Dach und Fach und ich hoffe, dass sie - Stichwort Corona - auch stattfinden können wird.

Vielen Dank, Prof. Wendl! Viel Freude und Erfolg bei der neuen Aufgabe!

 

Prof. Dr. Christina Wendl: Werdegang

Christina Wendl (Jahrgang 1982) ist in München, Ingolstadt und Sulzbach-Rosenberg aufgewachsen. 2002 startete sie ihr Studium der Humanmedizin an der Ludwig-Maximilian-Universität und später der TU München, wo sie über ein nuklearmedizinisches Thema promovierte. 2008 erfolgte die Ärztliche Approbation.

Noch in ihrer Assistenzzeit wechselte sie von der Neuroradiologie des Klinikums Rechts der Isar der TU München zum Institut für Röntgendiagnostik an das Universitätsklinikum Regensburg (UKR), wo sie 2014 die Anerkennung als Fachärztin für Radiologie erlangte.

Ab 2015 arbeitete Dr. Wendl als Oberärztin in der Röntgendiagnostik des UKR und spezialisierte sich unter anderem über eine Hospitation an der Klinik für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie des Klinikums Stuttgart auf das Fach Neuroradiologie.

Ihre Universitätslaufbahn startete Wendl 2016 mit der Lehrbefähigung im Fach Radiologie und ihrer Habilitation über „Moderne bildgebende Verfahren in der Hals-Kopf-Diagnostik“ an der medizinischen Fakultät der Universität Regensburg.

2018 nahm Prof. Dr. Christina die Berufung auf eine W2-Professur für Neuroradiologie mit Schwerpunkt interventionelle Neuroradiologie an der medizinischen Fakultät der Universität Regensburg an. In der Nachfolge Prof. Dr. Gerhard Schuierers übernahm Prof. Dr. Christina Wendl 2019 erst die Leitung des Zentrums für Neuroradiologie am UKR, und 2020 das Ärztliche Direktorat des Instituts für Neuroradiologie am medbo Bezirksklinikum Regensburg.

Christina Wendl ist verheiratet und lebt in der Nähe von Regensburg.

 

Bildnachweis: Fotostudio Büttner Regensburg