Zum Inhalt springen
IMG_6271_T4-Gedenkstaette__c_Neuhierl.JPG

Erinnern. Nicht vergessen.

Der Beginn der T4-Krankenmord-Aktion der Nazis jährt sich zum 80. Mal.

Corona-bedingt können wir das Gedenken nicht wie geplant gemeinschaftlich in Präsenz begehen. Aber es darf und wird nicht vergessen, was vor 80 Jahren und konkret am 4. November 1940 auch in der damaligen Nervenheilanstalt Karthaus-Prüll zu Regensburg seinen verheerenden Anfang nahm: Die systematische Vernichtung von psychiatrischen Patienten und von Patienten mit geistiger Behinderung durch die Nazis.

Prof. Dr. Clemens Cording, langjähriger stellvertretender Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Regensburg (heute medbo Bezirksklinikum), hat die Geschichte der so genannten T4-Krankenmord-Aktion der Nationalsozialisten aus der Regensburger Perspektive aufgearbeitet.

Hier ist sein Bericht:

Das dunkelste Kapitel der Psychiatrie

Entgegen einer landläufigen Vorstellung war die deutsche Anstaltspsychiatrie in den 1920er Jahren an vielen Orten vorbildlich im Sinne von Humanität und Menschenwürde reformiert worden. Nicht wenige alte Verwahranstalten, die im 19. Jahrhundert oft eher Gefängnischarakter gehabt hatten, waren zu modernen Einrichtungen umgestaltet worden, in denen man durch aktive Behandlungsmaßnahmen psychische Krankheiten heilen oder zumindest bessern und die Patienten möglichst bald wieder in die Gesellschaft integrieren wollte.

Das gilt insbesondere auch für Regensburg, wo „Karthaus“ ab 1916 mit Dr. Karl Eisen einen tatkräftigen, einfallsreichen und mutigen Reformpsychiater als Direktor bekommen hatte. Zwangsmaßnahmen wurden weitgehend abgeschafft, viele Stationen wurden geöffnet, die Gebäude schön und wohnlich eingerichtet. Und neben einer reich differenzierten Palette von Arbeits- und Beschäftigungstherapien (Karthaus versorgte sich mit Hilfe der Patienten weitgehend autark) wurde ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm organisiert, etwa eine Theatergruppe und eine Krankenhauszeitung, die von Patienten und Mitarbeitern gemeinsam betrieben wurden. Trotz seines besonders knappen Budgets wurde Karthaus 1928 als eine der fortschrittlichsten Anstalten Bayerns ausgezeichnet.

 

Bildnachweis: Detail aus der T4-Gedenkstätte im ehemaligen Kloster-Bezirk Karthaus-Prüll am medbo Bezirksklinikum Regensburg (Renate Neuhierl)