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Erklären Sie mir mal Magnetstimulation?

Wissenschaftlich belegt: Aufklärung wirkt. Wie Erklärvideos helfen, Ängste und Vorurteile gegenüber Behandlungsmethoden abzubauen, zeigt das Beispiel Transkranielle Magnetstimulation.

Neue Therapieformen zur Behandlung von psychischen Erkrankungen sind äußerst wichtig, da die bekannten Verfahren nicht immer allen Patientinnen und Patienten helfen können. Am Beispiel der Behandlung der Depression mit Medikamenten und Psychotherapie sieht man, dass teilweise nur zwei Drittel der Betroffenen eine Besserung und Genesung erfahren und bis zu 20 Prozent überhaupt nicht ansprechen (Voineskos et al., 2020, Neuropsychiatric Disease and Treatment). Deshalb sind Alternativen oder ergänzende Maßnahmen sinnvoll.

Mit Magnetfeldern ins Gehirn

Zum Beispiel die Transkranielle Magnetstimulation, kurz TMS. Sie ist eine nebenwirkungsarme ambulante Therapie, bei der mit Hilfe von gepulsten Magnetfeldern aus dem Gleichgewicht geratene Hirnfunktionen wieder repariert werden können. Die Wirksamkeit von TMS bei Depressionen konnte nachgewiesen werden (Lefaucheur et al., 2020, Clinical Neurophysiology) und erlebt deshalb in den letzten Jahren einen Höhenflug, was man an den Veröffentlichungen von Fachmeinungen, behördlichen Zulassungen und Empfehlungen in den Behandlungsrichtlinien dieser Methode in vielen Ländern erkennen kann.

Vielversprechend, aber noch kein Standard

Trotz dieser Entwicklung ist es aber immer noch so, dass die TMS nicht zum Standardrepertoire von Psychiaterinnen und Psychiatern, respektive Nervenärztinnen und -ärzten in den Kliniken oder im niedergelassenen Bereich gehört. Das liegt zum einen daran, dass die TMS (noch) nicht ohne weiteres vergütungsfähig ist, und zum anderen daran, dass die Methode weder bei den behandelnden Fachleuten noch bei Betroffenen ausreichend bekannt ist. Auch eine Skepsis gegenüber der Behandlung hinsichtlich der klinischen Sinnhaftigkeit und der Verträglichkeit kann angeführt werden. Eine jüngst erschienene Arbeit (Giacobbe et al., 2020, The Canadian Journal of Psychiatry) zeigte, dass nur drei Prozent der kurz vor der Approbation stehenden Ärztinnen und Ärzte für Psychiatrie in Kanada sich kompetent genug fühlen, diese Technik anzuwenden. Insgesamt gaben die Befragten an, sehr viel schlechter in TMS als in anderen Behandlungsmethoden wie Psychotherapie, medikamentöser Therapie oder auch Elektrokrampftherapie (eine andere Therapieform als die TMS) ausgebildet worden zu sein.

Keine Angst vor Hightech!

Im medbo Standort Regensburg existiert die TMS seit etwa 20 Jahren in der Erwachsenenpsychiatrie. Sie ist zu einem etablierten Verfahren geworden. Trotzdem fällt auf, dass es bevorzugte Zuweiser im Haus und von extern gibt. Auf Grund dieser Erfahrungen war uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Zentrum für Neuromodulation (ehemals TMS-Labor) wichtig herauszufinden, inwiefern Wissen und Vorurteile bezüglich TMS bei Patientinnen, Patienten und Behandlern vorhanden sind und durch ein Erklärvideo veränderbar sein könnten.

Studie zur Akzeptanz von TMS

Psychologie-Studentin Jacqueline Sterk unter Betreuung durch Helena Helbrich von der Hochschule Fresenius in München widmete sich in ihrer Bachelorarbeit am Regensburger Zentrum für Neuromodulation der Frage, ob/wie geeignet so ein Erklärvideo zu TMS sein könnte. Im September 2020 schloss sie die Bachelorarbeit erfolgreich ab – mit spannenden Ergebnissen! 102 Personen ohne direkten Bezug zur medbo hatte sie für ihre Studie befragt. Via Online-Survey mussten die Probandinnen und Probanden 15 Fragen zur Einstellung zu TMS und fünf Wissensfragen beantworten. In den Fragen zur Einstellung konnten die Probanden auf einer sogenannten Likert-Skala mit verschiedenen Möglichkeiten („stimme gar nicht zu“, „stimme nicht zu“, „neutral“, „stimme zu“, „stimme voll und ganz zu“) antworten.

Tutorial-Gucken hilft!

Während vor dem Schauen des Erklärvideos im Schnitt mit „neutral“ geantwortet wurde, zeigte sich danach eine Zustimmung zu TMS („stimme zu“). Die Methode TMS überzeugt also, wenn man sich erst einmal mit ihr auseinandersetzt. Und während vor dem Video im Schnitt 2,8 Fragen richtig beantwortet wurden, waren dies danach 4,2 – zur Erinnerung – von fünf Fragen. Das Thema ist wohl so spannend, dass die Probanden sich einen Großteil der Informationen darin gemerkt haben.

Wissen stärkt

43 Prozent der Teilnehmer gaben an, mit einer psychischen Erkrankung Erfahrung zu haben, sei es als Betroffener, Nahestehender oder aus beruflichen Gründen. Diese Personen unterschieden sich hinsichtlich Einstellung und Wissen vor und nach dem Video nicht von den Personen ohne Bezug zu psychischen Erkrankungen. Diese Ergebnisse zeigen, dass ein Erklärvideo tatsächlich hilfreich ist, um Vorurteile gegenüber TMS abzubauen und um über diese Methode adäquat zu informieren – sowohl bei Menschen mit als auch ohne Erfahrung mit psychischen Erkrankungen. Deswegen wird das Erklärvideo am Zentrum für Neuromodulation künftig unterstützend zur ärztlichen Aufklärung eingesetzt.

Testen Sie sich!

Mit oder ohne Erklärvideo: Testen Sie Ihr Wissen über die Transkranielle Magnetstimulation!

1. Welche Patienten dürfen auf keinen Fall mit der Magnetstimulation behandelt werden?

A) Mit einer Gehbehinderung
B) Mit metallischen oder elektrischen Implantaten im Kopfbereich
C) Mit Zahnimplantaten
D) Mit Schlaganfall
E) Mit Fieber

2. Welche Nebenwirkung ist die häufigste bei der Behandlung mit der Magnetstimulation?

A) Unangenehme Empfindungen (Zucken, Kribbeln) direkt unter der Spule
B) Bauchschmerzen
C) Gliederschmerzen
D) Kopfschmerzen
E) Trockener Mund

3. Welche Vorsichtsmaßnahmen sollten bei der Behandlung getroffen werden?

A) Es muss immer jemand neben dem Patienten stehen.
B) Der Patient muss Gehörschutz tragen.
C) Es muss immer ein Glas Wasser bereitstehen.
D) Alle Medikamente müssen abgesetzt werden.
E) Man darf an keiner anderen Behandlung während der TMS teilnehmen.

4. Wie wirksam ist die Behandlung mit der Magnetstimulation?

A) Jeder dritte Patient mit einer Schizophrenie wurde gesund.
B) Bei der Depression muss die Effektivität noch nachgewiesen werden.
C) Jeder zehnte Patient mit einer Depression wurde gesund.
D) Jeder dritte Patient mit einer Depression wurde gesund.
E) Bei der Schizophrenie konnte die Effektivität nachgewiesen werden.

5. Welche Vorteile gibt es bei einer Behandlung mit der Magnetstimulation?

A) Hat nur wenig Nebenwirkungen
B) Kann man zu Hause machen
C) Ist effektiver als alle anderen Behandlungen
D) Hat keine Nebenwirkungen
E) Ersetzt andere Behandlungen

 

Die richtigen Lösungen gibt es am Seitenende.

Falls Sie mehr wissen wollen ...

 

Autor: PD Dr. phil. Martin Schecklmann (Diplom-Psychologe) ist Leiter des Zentrums für Neuromodulation der medbo Regensburg.

 

Bildnachweis: TMS in der Praxis am medbo Bezirksklinikum Regensburg (Frank Hübler)

 

Und hier noch die Lösungen unseres kleinen Wissenstests: 1. B), 2. A), 3. B), 4. D), 5. A)