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Gesucht: Ein neues Mittel gegen Angst

Groß angelegte Medikamentenstudie zu Angst- und Panikstörungen in Regensburg sucht Probanden.

Angst ist eine normale und wichtige menschliche Emotion. Aber bei bis zu 15 % der Menschen entgleist sie und wird zur ernsthaften Erkrankung. Die Forschung arbeitet an einer stetigen Weiterentwicklung der Medikamente, ist aber auch auf der Suche nach neuen Ansätzen.

Die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie & Psychotherapie der Universität Regensburg hat ebenso wie der zugehörige Lehrstuhl ihren Sitz am medbo Bezirksklinikum Regensburg. Dort forschen Prof. Dr. Rainer Rupprecht, Ärztlicher Direktor der Klinik und Lehrstuhlinhaber, und sein Team an der Entwicklung neuer Medikamente zur Behandlung von Angsterkrankungen und Panikstörungen.

State of the Art Behandlung

Experten setzen bei der Behandlung von Angststörungen auf eine Kombination von kognitiver Verhaltenstherapie und Medikamentengabe. Auch Psychoedukation und die Motivation des Patienten spielen eine wichtige Rolle.

Bei der medikamentösen Therapie können Antidepressiva verwendet werden, etwa selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI). Bei der generalisierten Angststörung ist das Antiepileptikum Pregabalin zugelassen, bei dem jedoch bei Absetzen nach längerer Einnahme Entzugserscheinungen auftreten können. Weitere seltener eingesetzte Medikamente sind Opipramol oder auch Buspiron.

Unter der Lupe: Benzodiazepine

Benzodiazepine sind schnell wirksame Medikamente zur Behandlung von Angst-, Spannungs- und Erregungszuständen. Sie beseitigen kurzfristig Angstgefühle, lindern Schmerz und lockern Muskeln. Allerdings können sie Ermüdungszustände hervorrufen und es besteht bei längerer Einnahme die Gefahr, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Deshalb werden sie mittlerweile nur noch zur psychiatrischen Akutbehandlung und unter engmaschiger Kontrolle etwa während einer stationären Behandlung eingesetzt.

Die Nebenwirkungen der Benzodiazepin-Behandlung werfen die Frage nach langfristig besser verträglicher Akutmedikation für Erregungs- und Angstzustände auf. Ein möglicher Kandidat ist Etifoxin aus der Gruppe der TSPO-Liganden.

Kleines Chemie-Einmaleins

TSPO (Translocator Protein) ist ein Eiweiß, das zum Einschleusen bestimmter Moleküle in eine Zelle benötigt wird; unter Liganden versteht man bestimmte Moleküle oder Atome, die sich an bestimmte Zellrezeptoren binden.

Der Ansatzpunkt von Etifoxin, das Protein TSPO, scheint neben vielen weiteren Aufgaben im menschlichen Stoffwechsel einen Einfluss auf beruhigende Neurotransmittersysteme im Gehirn ausüben zu können. Neurotransmitter sind Stoffe, durch welche Nervenzellen miteinander über besondere Schnittstellen - die Synapsen - miteinander kommunizieren.

Auch wenn in Studien eine gute angstlösende Wirksamkeit mit deutlich besserem Nebenwirkungsprofil nachgewiesen werden konnte, hat sich Etifoxin in Deutschland bisher nicht gegen Benzodiazepine durchsetzen können.

Die Regensburger Studie

In einer groß angelegten Studie (Titel: Differentielle Effekte von TSPO-Liganden auf die funktionelle Konnektivität und den Metabolismus im menschlichen Gehirn bei Furcht und Angst) untersuchen die Forscher der medbo Universitätsklinik für Psychiatrie & Psychotherapie das Zusammenspiel dieser Einflüsse bei unterschiedlicher angstlösender Medikation. Sie gehen der Frage nach, durch welche Mechanismen die Unterschiede im Wirkprofil von Etifoxin und Benzodiazepinen erklärbar sind.

In der Studie werden zwei bekannte angstlösende Medikamente in ihrer Wirkweise bei gesunden männlichen Probanden erforscht. Neben dem Einfluss auf den Stoffwechsel, Hormone und das Mikrobiom (die „Darmflora“) liegt ein besonderer Fokus auf der Kommunikation von Hirnarealen miteinander sowie der Rolle angstregulierender Netzwerke im Gehirn. Letztere lassen sich in MRT Messungen (Magnet-Resonanz-Tomografie: Untersuchung in der MRT-Röhre) und Transkranieller Magnetstimulation (Stimulation von Gehirnregionen von außen mittels eines kurzen Magnetimpulses) unter die Lupe nehmen.

Jeder Teilnehmer erhält nacheinander Etifoxin, ein Benzodiazepin und ein Placebo-Medikament über einen Zeitraum von jeweils fünf Tagen im doppelt-verblindeten Design: das heißt während der Studie wissen Teilnehmer und Untersucher nicht, welche Medikation vorliegt. Ein solches Design ist Voraussetzung für eine optimale Bewertung von Medikamenten in Abgrenzung zu subjektiven und zwischenmenschlichen Effekten, die unter dem Begriff „Placebo-Effekt“ zusammengefasst werden.

Die Studie ist von der Deutschen Forschungsgesellschaft gefördert und eine Teilnahme ist für Interessenten über den Zeitraum der nächsten zwei Jahre möglich.

Bildnachweis: DOC RABE Media über Fotolia