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Menschenskinder: Und was kommt jetzt?

Corona ist nicht einfach eine Viruserkrankung, sie ist eine bio-psycho-soziale Pandemie. Was das für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen bedeuten könnte, beantwortet Dr. Christian Rexroth, Chefarzt des kinder- und jugendpsychiatrischen Zentrums Amberg | Cham | Weiden (KJPP).

Dr. Rexroth: Was erlebten Sie und Ihr Team nach Aufhebung des Lockdowns im Frühjahr? Haben sich die Fallzahlen seither verstärkt?

R.: Ja, diese Beobachtung haben wir gemacht. Ebenso, dass nicht nur die Zahl der Anmeldungen, sondern auch ihre Dringlichkeit größer ist als vor der Pandemie und dass die Kinder im Schnitt stärker belastet sind als zuvor. „Erst ging es uns schon schlecht, dann kam noch Corona dazu“, so die Aussage einer Familie.

Im Lockdown waren die Ambulanzen und Tageskliniken der gesamten KJPP für Wochen geschlossen. Jetzt droht uns eine zweite Welle. Was geschah in dieser Zeit mit Ihren jungen Patienten? 

R.: Zunächst ist festzuhalten, dass wir in diesem Jahr als Gesamtgesellschaft in einer für uns ganz neuen Situation, die wegen ihres Charakters des Unbekannten und Bedrohlichen bei den meisten Menschen Sorgen und Ängste ausgelöst hat, auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Sektoren unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. So haben auch Kinder und Jugendliche ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht, unter anderem abhängig von ihrem Alter sowie der ökonomischen, psychischen und sozialen oder auch der Bildungssituation ihrer Familien. 

Heißt das, Corona macht oder verstärkt Unterschiede?

R.: Nun. Kinder, die bislang unbeeinträchtigt aufgewachsen sind – insbesondere aus ökonomisch besser gestellten, bildungsnahen Familien – haben die Zeit ohne Fremdbetreuung und Schule vielleicht auch genossen. Diese Familien kamen in der Regel gut zurecht, die Schulkinder konnten entsprechend ersatzweise gut gefördert werden. Viele dieser Eltern haben die viele Zeit in ihren Familien und mit ihren Kindern als wertvoll erlebt und haben sich vorgenommen, von dieser dichteren Familienzeit Inhalte in den bisherigen Alltag zu übersetzen. Anders aber war es bei Kindern aus Familien, deren psychische, soziale und ökonomische Stabilität bereits im Vorfeld beeinträchtigt oder sogar gefährdet war. Dazu gehören plötzlich aufgetretene oder deutlich gestiegene psychische Belastungen, die sich in manchen Familien in stärkerer Überforderung, Stress und häuslicher Gewalt äußerten. Sorgen der Eltern um ihre berufliche und ökonomische Integration verschärften die Situation mancher Familien; teils haben Eltern ihre Arbeit verloren. 

War dies zu erwarten: Corona als soziales Brennglas?

R.: Kinder aus bildungsfernen und Familien mit Migrationshintergrund hatten in diesem Jahr sicherlich nicht die gleichen Bildungschancen, wenn man bedenkt, dass über ein halbes Schuljahr hinweg die betreffenden Eltern die schulische Förderung ihrer Kinder übernehmen mussten. Wie soll das gehen, wenn nicht einmal technische Mittel wie Computer und Drucker zur Verfügung stehen? Dazu gesellten sich Ängste um die eigenen Eltern, den Job, eine mögliche Infektion…
In die Zeit des pandemiebedingten Lockdowns fallen deutlich weniger Gefahrenmeldungen in den Jugendämtern sowie weniger Inobhutnahmen auf, auch weil weniger Krisen vorkamen, zumindest aber gemeldet wurden. Dann, nach dem Lockdown, steigen plötzlich Anmeldezahlen in Praxen und Klinik sowie in der Jugendhilfe an. Auch die Zahl der Inobhutnahmen. Das individuelle Ausmaß der Störungen und des Bedarfes wird von Fachleuten als erhöht angesehen.

Die Wissenschaft KJPP beschäftigt sich intensiv mit den Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Gibt es hier erste Ergebnisse oder Hypothesen?

R.: Es ist noch zu früh, um valide Aussagen treffen zu können. Die menschliche Psyche ist nicht einfach eine Funktion des Gehirns im Sinne von Programmierung. Sie steht im Zentrum eines mehrdimensionalen Systems aus biologischen, sozialen und natürlich psychologischen Einflüssen und Wirkzusammenhängen. Unser ganzes Leben lang, aber besonders in Kindheit und Jugend lernen wir Menschen. Wir erleben prägende Dinge, sind positiven und negativen Einflüssen ausgesetzt und entwickeln uns ganz individuell. Wissenschaftlich untersuchen wir, welche konkreten psychischen Stressoren die Zeit des Lockdowns intensiviert hat. Aber wir müssen davon ausgehen, dass wir mit dem Ende der Pandemie nicht zur alten, sondern eher zu einer neuen Normalität zurückkehren werden.

Das heißt, wir müssen uns an neue Realitäten anpassen…

R.: Genau. Corona bringt eine Fülle an Themen auf den Tisch, die gesellschaftlich neu bewertet werden müssen. Wir stellen fest, dass sich Kinder leichter mit den Veränderungen tun als Jugendliche. Denken Sie an Jugendliche, deren Plätze und Räume wie Clubs und Diskotheken als Entwicklungsräume wegfallen und das für Jugendliche so wichtige Zusammensein mit der Peergruppe entfallen ist. Ihre jüngeren Geschwister machen das vielleicht selbstverständlicher. Und gleichzeitig erleben die Jugendlichen die Sorge ihrer Eltern um die Großeltern stärker mit. Den eigenen Weg gehen und dennoch Vorsichtsmaßnahmen einhalten und Rücksicht nehmen: Das fällt nicht leicht, weil wir in Systemen mit anderen Menschen leben, denen das nicht so leichtfallen mag. Normalität ist immer Abbild eines Durchschnitts oder einer Mehrheitsregel, und damit ist sie ein Konstrukt. Normalität bedeutet immer auch Wandel, sie war und ist im Zeitablauf nie absolut. Aber der Krisenmodus der Pandemie hat von uns allen eine schnelle Adaption an neue Regeln verlangt. Dadurch wird Corona zum Brennglas, das Defizite in unseren Systemen – ob Gesellschaft, ob Gesundheitssystem, ob Schule oder Familie – vergrößert. Und das Brennglas fördert auch unsere Stärken zutage!

Haben Sie ein Beispiel?

R.: Der Digitalisierungsschub etwa, der im Lockdown und selbst jetzt in der Phase der gelockerten Pandemievorschriften nicht nur in Schulen und Büros stattgefunden hat, sondern damit natürlich auch in die Familien eingekehrt ist. Homeschooling ist nicht nur Last, es ist auch eine Chance für Eltern und Kinder. Ebenso das Homeoffice. Wie fein ist es, aus dem Meeting zu gehen und schon zuhause zu sein? Zeitökonomische und auch ökologische Aspekte fließen hier ein. Eltern übernehmen eine Teilrolle als Lehrer, nehmen sich ihrer Kinder entschiedener an; Kinder wiederum müssen damit klarkommen, dass Zuhause-Sein nicht Freizeit bedeutet und dass Mama und Papa nicht ständig ansprechbar sind. Das Aushandeln von Freiräumen und Pflichten innerhalb der Familie, die neue Bedeutung der Familie als Bezugspunkt in Zeiten von social distancing, überhaupt die Frage der physischen Nähe zu anderen Menschen und vieles mehr: Das wird auch nach Corona eine neue Normalität für uns definieren. Und Anpassung bedeutet immer Stress – für den einen mehr, für den anderen weniger. Wir denken vielleicht, dass es gerade für die Kleinkinder am Schlimmsten sein müsste, schließlich sind sie die Jüngsten der Gesellschaft. Doch hängen Veränderungsprozesse mit zuvor erlebten anderen Realitäten zusammen. Insofern ist es für manchen Erwachsenen schwieriger als für eine Dreijährige. Hier spielen dann andere Faktoren eine Rolle, die Änderungen des sozialen Empfangsraumes etwa und mehr sorgenfreie Zeit zuhause.

Welche Fragen oder Annahmen stehen hier im Fokus der Wissenschaft?

R.: Wir stellen uns die Frage nach einer möglichen „Post-Corona-Intervention“. Aus früheren Pandemiegeschehen wissen wir, dass diese zu einer Erhöhung der Fallzahlen von Belastungsstörungen führten. Stichwort „häusliche Gewalt“. Wir schauen uns hier genau an, welche affektiven und kognitiven Symptome Kinder und Jugendliche entwickeln, welche Folgen es für ihre Entwicklung haben kann, gerade wenn sie psychisch vorbelastet oder sonstwie eingeschränkt sind. Des Weiteren vermuten wir, dass bei der Findung einer neuen Normalität „post Coronam“ Anpassungsstörungen auftreten werden. Ängste, Schlafstörungen, Essstörungen, Selbstverletzungstendenzen sind hier Stichworte.

Post-Corona: Was sieht der Kinder- und Jugendpsychiater auf uns zukommen?

R.: Die psychischen Probleme von Kindern und Jugendlichen sind sehr oft durch Stress ausgelöst. Wir untersuchen typische und mögliche neue Stressoren. Denken wir an Gewalterfahrungen in der Familie, die durch die Lockdown-bedingte Enge eskaliert sind. Die These lautet auch, dass es psychische Störungsbilder gibt, die durch die andauernde Krise verstärkt oder verfestigt werden können. Depressionen beispielsweise, oder Essstörungen, Suchtverhalten, Ängste. Wir untersuchen, ob Kinder und Jugendliche neue Strategien entwickeln, mit neuen „normalen“ Lasten umzugehen. Wir schauen uns das System "Schule" genau an, denn hier besteht die Vermutung, dass durch Corona indizierte neue Lernformen sich dauerhaft durchsetzen könnten. Und vieles mehr.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind die Eltern wesentliche Partner der Medizin, aber auch selbst von den Auswirkungen der Krise betroffen…

R.: Das ist nicht zu unterschätzen. In der KJPP sehen wir seit jeher eine wichtige Aufgabe in der Stärkung des Familiensystems: Familienressourcen identifizieren und unterstützen. Viele Erwachsene leiden selbst psychisch unter der Krise. Ökonomische Einschränkungen, der Spagat zwischen Kinderbetreuung und Beruf, die digitale Überforderung, Trauer um an Corona verstorbene Angehörige, Partnerprobleme, das Fehlen von sozialen Kontakten, fehlende Ablenkungsmöglichkeiten außerhalb der Familie. Natürlich auch die ständige Sorge vor Ansteckung. Das „Brennglas Corona“ bestätigt uns, dass Psychiatrie für alle Altersklassen systemische Medizin ist und wir unsere Anstrengungen bei der interdisziplinären Zusammenarbeit von KJPP und Erwachsenenpsychiatrie, aber auch im prä- und postklinischen Netzwerk ausbauen und verstärken müssen. 

Vielen Dank für die vielen Informationen, Dr. Rexroth!

 

 

Bildnachweis: Matthias Eckel für medbo