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Sechs Monate Corona

Der Landkreis Tirschenreuth war einer der frühen Hotspots des Pandemiegeschehens in Deutschland. Die ganze Nord-Oberpfalz spürte die Auswirkungen. Mitten drin: das medbo Bezirksklinikum Wöllershof.

Jetzt kündigt sich – möglicherweise – eine zweite Corona-Welle an. Fragen an den Ärztlichen Direktor der medbo Wöllershof, Dr. Markus Wittmann.

Dr. Wittmann, die meisten Menschen haben das teils massive Corona-Aufkommen in der Region Nordoberpfalz selbst nur aus den Medien mitbekommen. Aber wie haben Sie die Zeit hier erlebt, den Lockdown, den Krisenbetrieb, die Lockerungen?

W.: Hier am Standort Wöllershof bekamen viele Menschen die Epidemie – leider – relativ gut mit, da die Fallzahl in der Umgebung relativ hoch war, zumindest zu Beginn der Pandemie. Der gesamte Betrieb am Standort lief bis heute sehr geordnet ab – dies ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Standort zu verdanken, die mit einem unglaublich hohen Einsatz versucht haben, den Spagat zwischen Infektionsschutz und Versorgungsverpflichtung zu meistern. Ihnen gilt der besondere Dank, aber auch allen verständnisvollen Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen.

Wie hat sich Corona und insbesondere der Lockdown auf die Arbeit des Bezirksklinikums ausgewirkt? Welche Auswirkungen auf den stationären Regelbetrieb hat das Krisenmanagement, welche auf die ambulante Versorgung?

W.: Der Lockdown war ein Einschnitt im täglichen Betrieb, den es so in der neueren Psychiatriehistorie noch nicht gegeben hat. Durch eine enge Verzahnung von stationären und ambulanten Hilfen, die vorwiegend telefonisch mit den Patientinnen und Patienten geführt wurden, konnten viele Schnittstellenprobleme gemeistert werden. Aber: Sicherlich konnten durch den eingeschränkten Betrieb nicht alle Bedürfnisse gedeckt werden.

Wie sind Ihre Patienten mit der Situation umgegangen? Gibt es nach Ihrer Meinung erste belastbare Erkenntnisse, ob der Lockdown psychische Erkrankungen forciert oder gar getriggert hat?

W.: Es ist noch zu früh, um objektive Aussagen über die Fallzahlentwicklung treffen zu können. Ob derzeit ein "Nachholeffekt" stattfindet oder ob es durch die Belastungen der Krise an sich zu einem Anstieg der Fallzahlen gekommen ist, wird man erst in der Zukunft sicher beurteilen können. Ich kann vergleichend nur berichten, dass ich mit dem damaligen Team 2013, im Jahr der Flutkatastrophe, das Bezirksklinikum in Passau eröffnete, das stark betroffen war. Die Menschen hatten eine unglaubliche Energie aufgewendet, die Schäden zu beseitigen. Allerdings kam es vereinzelt dann nach Monaten zu Erschöpfungssymptomatik und auch aufgrund der Folgebelastungen zu Behandlungspflichtigkeit. Die aktuelle Krise hinterlässt wirtschaftliche Unsicherheit und Ängste bei vielen Menschen, die sich wahrscheinlich auch im Behandlungsbedarf abzeichnen werden. Dennoch sind solche Prognosen mit Vorsicht zu formulieren, denn viele Erkrankungen resultieren ebenso wie eine beträchtliche Zahl der Arbeitsunfähigkeitszeiten aus den an sich zunehmenden Belastungen im Alltag, unabhängig von der Pandemie.

Die medbo arbeitet derzeit in einem Modus, den man mit geregeltem Krisenbetrieb bezeichnen könnte. Es gibt neue Arbeitsregeln, die langsam Routine werden und damit den typischen Krisenstress mildern. Wie sieht dieser Modus derzeit bei der medbo Wöllershof aus?

W.: Wir haben in enger Abstimmung mit dem örtlichen Gesundheitsamt und durch die sehr hilfreiche Unterstützung des medbo weiten Corona-Core-Teams tatsächlich derzeit einen "Sonderregelbetrieb" etablieren können, der nicht so weit entfernt ist von der üblichen Routine. Da wir bei Auftreten von COVID-typischen Symptomen wie Fieber sehr schnell mit Isolationsmaßnahmen reagieren, konnte die Zahl der positiven Fälle insgesamt auf einem sehr niedrigen Niveau gehalten werden. Allerdings führt dies auch zu logistischen Anforderungen, die wir manchmal nur durch interne Verlegungen beantworten können. Der Infektionsschutz geht allerdings vor.

… aber Normalbetrieb ist eben anders. Wie geht die Belegschaft damit um, die jetzt quasi seit Monaten im Krisenmodus ist?

W.: Ich bewundere unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihre Geduld und Kraft, denn die Situation erfordert eben manchmal wiederholte und rasche Modifikationen des Ablaufs.

Wie bereitet sich das Bezirksklinikum Wöllershof auf eine mögliche zweite Welle vor?

W.: Das bereits bestehende Schutzkonzept ist seit Anfang der Pandemie unverändert. Durch zusätzliche Reihentestungen und durch eine schnelle Bearbeitung der Proben im externen Labor können neu aufgetretene Fälle entsprechend rasch identifiziert werden.

Was raten Sie, wie man sich als Mensch, als Patient und als Mitarbeiter (seelisch-moralisch) gut auf eine zweite Welle vorbereitet?

W.: Es gibt hinsichtlich der Pandemie Fortschritte und damit verbunden gute Nachrichten, die man sich vergegenwärtigen sollte:

  1. Das Gesundheitssystem in Deutschland ist sehr gut auf eine relativ hohe Zahl schwer Erkrankter vorbereitet.
  2. Die Medizin hat in der kurzen Zeit sehr viel gelernt: Durch Medikamentenkombinationen, den Einsatz von Blutverdünnern und Corticoiden und neuen Substanzen wie Remdesivir kann die Zahl der schweren Verläufe und Todesfälle deutlich gesenkt werden. 
  3. Man sollte sich in der Risikoabwägung vergegenwärtigen, dass viele Risiken unbeachtet bleiben, weil wir uns schon daran gewöhnt haben oder die Gefahren nicht sehen können. Die Sicherheit, die wir uns in unserer Zeit manchmal vorgaukeln, gibt es nicht – Gelassenheit und Annehmen von Risiken im Allgemeinen ist wichtig, um nicht in Hysterie zu verfallen. 
  4. Die Pandemie ist endlich. Ängste vor einer "Dauerpandemie" sind mit wachsendem Kenntnisstand vermutlich unbegründet.
  5. Man sollte versuchen, die persönliche Isolation und die stark eingeschränkten Sozialkontakte mit Kontakten alternativer Art zu kompensieren – Kontakte im Freien, Telefonate und so weiter.

Drei Wünsche an die gute Fee …

W.: Erstens, die nebenwirkungsfreie, langanhaltende und schon jetzt verfügbare COVID-Impfung. Zweitens, eine möglichst gute wirtschaftliche Kompensation für alle finanziell Betroffenen, beispielsweise Gastwirte und Künstler. Und zu guter Letzt: dass die Pandemie einen globalen Anstoß gibt zu mehr Solidarität, zu Widerstand gegenüber Unsachlichkeit und Populismus und zu einem respektvolleren Umgang mit unseren Lebensgrundlagen.

Vielen Dank, Dr. Wittmann! Bleiben Sie gesund!

 

Bildnachweis: Juliane Zitzlsperger für medbo