„Vor zehn Jahren habe ich mich auf den Weg gemacht. Langsam bin ich angekommen“, sagt Alkamel Ammar. Der gebürtige Syrer kam im Jahr 2015 nach Deutschland. Ohne Sprachkenntnisse, ohne gültige Schulabschlüsse. Heute ist er examinierter Pflegefachmann im medbo Zentrum für neurologische Rehabilitation in Regensburg. Dort versorgt er Patienten, die nach Schädigungen von Gehirn, Rückenmark oder Nerven wieder zurück in ein neues Leben finden müssen. Doch bis hierhin war es ein langer Weg.
Anfangen statt Ausnahmezustand
Seit 2013 ist Ammar Alkamel ständig in Bewegung: von Syrien nach Afrika, weiter in die Türkei – und schließlich über das Mittelmeer nach Europa. „Ich musste raus. Es ging nicht anders“, sagt er. Mit der politischen Lage in Syrien konnte er sich nicht identifizieren – sie widersprach seiner Haltung gegenüber Freiheit und Menschenrechten. In Syrien hatte er bereits sein Abitur gemacht und Englische Literatur studiert – nur ein Semester trennte ihn vom Bachelorabschluss. In Deutschland müssen seine Bildungsnachweise erst einen offiziellen Anerkennungsprozess durchlaufen. „Das hat sich lange gezogen“, meint er dazu rückblickend. Ein direkter Einstieg in ein Studium an einer Universität oder Hochschule ist für ihn daher zunächst nicht möglich. Und auch so mancher Ausbildungsberuf bleibt ihm dadurch verwehrt. Vorerst.
Stattdessen fängt Alkamel ganz von vorne an. Er beginnt mit dem, was für ihn unter den gegebenen Umständen möglich ist und sinnvoll erscheint: ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der medbo in Regensburg. Dort lernt er den Pflegealltag kennen und finanziert sich den notwendigen B2-Sprachkurs, um seine Deutschkenntnisse weiter zu verbessern.
Anstrengen statt Ausruhen
Der Alltag eines FSJ-Teilnehmers ist eine Herausforderung. Alkamel hat keinen Führerschein und lebt in einer kleinen Wohnung außerhalb von Regensburg. Deshalb nimmt ihn seine heutige Schwägerin – selbst bei der medbo beschäftigt – morgens mit zu ihrer Frühschicht. Er selbst hat jedoch Spätdienst. Oft wartet er mehrere Stunden im Auto, bis sein Arbeitstag beginnt. „Ein Jahr, das schaffe ich irgendwie“, lautet sein Motto.
Doch auch danach hieß es weiterhin: warten, fokussieren, improvisieren. Da die Anerkennung seiner syrischen Zeugnisse bis heute noch aussteht, suchte Ammar nach der nächsten greifbaren Möglichkeit, die ihm eine realistische Perspektive eröffnen konnte. Er beginnt eine Ausbildung zum Drucker (Medientechnologe Druck) – nicht aus Leidenschaft für den Beruf, sondern mit einem klaren Ziel: Er kann über diesen Weg den Realschulabschluss erwerben, die eine entscheidende Voraussetzung für seine Wunschlaufbahn in der Pflege ist. „Ich habe schnell gemerkt, dass die Arbeit langfristig nichts für mich ist. Aber mir war wichtig, es durchzuziehen“, sagt er.
Ausbilden statt Aufgeben
Denn die Pflege lässt ihn nicht los. Nach seiner Druckerlehre möchte er zurück in die medbo. Eine Ausbildung zum Pflegefachmann ist sein Ziel. Seine ehemalige Stationsleitung setzt sich für ihn ein und ermöglicht ihm vorerst eine Anstellung als ungelernter Pflegehelfer.
2022 feiert er schließlich seinen Ausbildungsstart an den medbo Pflegeschulen. Ein persönlicher Meilenstein. „Nach Jahren des Wartens, der Umwege und Rückschläge konnte ich endlich beginnen. Darauf habe ich so lange hingearbeitet“, sagt er.
Oberpfälzer Dialekt: „Nochmal was Eigenes“
Und dennoch findet er auch weiterhin kaum Zeit sich auszuruhen: Theorie-Blöcke in der Schule. Praxis-Einsätze in verschiedenen Kliniken – mit wechselnden Team und vielfältigen Einsatzgebiete, von Pädiatrie über Psychiatrie bis hin zur Gynäkologie. Und nicht zuletzt: immer wieder ungewohnte Dialekte. „Bayerisch war schon nochmal was Eigenes“, lacht Alkamel und gibt sich ganz diplomatisch. Mit der Zeit wächst Ammar Alkamel in die neuen Aufgaben hinein: Er lernt, sprachliche Fehler zuzulassen. Er fragt nach, wie es richtig heißt. Und er ist offen für Kritik und Verbesserungstipps. „Ich habe den Kolleginnen und Kollegen gleich gesagt: Ihr könnt mich jederzeit verbessern – so lerne ich am schnellsten.“
Eine finanzielle Förderung neben der Ausbildungsvergütung erhält er nicht. Also jobbt er parallel erst im Autohaus und später in der ambulanten Pflege. Dreißig Stunden pro Monat – zusätzlich zur Vollzeit-Ausbildung. Denn das Geld muss reichen: Seine Frau, ebenfalls aus Syrien geflüchtet, macht zur gleichen Zeit eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Kinderpflegerin. „Wir mussten auf jeden Euro achten, aber Aufgeben war keine Option“, sagt er. Zwei Ausbildungen, ein Haushalt, kein Auffangnetz. „Ich habe mich auf mein Ziel konzentriert und einfach weitergemacht.“
Steiniger Weg: Rückblick ohne Bitterkeit
Seit Mai 2025 arbeitet er als examinierter Pflegefachmann auf der Station 24b der neurologischen Rehabilitation der medbo. „Das war meine ganz bewusste Entscheidung“, sagt er. Hier kann er mitgestalten, wie sich Menschen entwickeln: von der Aufnahme bis zur Entlassung. Durch seine Mithilfe lernen zum Beispiel Patienten nach einem Schlaganfall wieder eigenständig zu schlucken, zu sprechen, zu gehen. „Wenn ich sehe, dass ein Patient, der am Anfang kaum gehen konnte, nach ein paar Wochen selbstständig wird – und ich war ein Teil davon – dann ergibt das alles einen Sinn.“
Trotz aller Hürden blickt er ohne Bitterkeit zurück. „Es gab Phasen, in denen ich fast aufgegeben hätte – Momente der Erschöpfung, Frustration, Unsicherheit“, sagt er. „Wer aus einem Land kommt, in dem Krieg herrscht, lernt Chancen zu nutzen, wenn sie sich ergeben.“ Dass er heute als examinierter Pflegefachmann bei der medbo arbeitet, ist für den bescheidenen Pfleger nicht nur das Ergebnis seiner Beharrlichkeit. Er sieht darin vor allem den Ausdruck von wenigen, aber wichtigen Begegnungen mit Menschen, die ihn ernst genommen und unterstützt haben. „Vor allem bei der medbo hatte ich immer das Gefühl: Ich bin nicht allein.“
Für neue große Pläne ist Ammar Alkamel gerade nicht zu haben. Nach über zehn Jahren mit vielen Umwegen, Lernphasen und Prüfungen will er vor allem eins: zur Arbeit gehen – und dann einfach nach Hause. Ruhe finden. Alltag leben. Denn für ihn ist das alles andere als selbstverständlich. „Es war bestimmt kein leichter Weg. Aber meiner.“