„Bassd scho“ – Kommunikation auf Bairisch lernen

In einem neuen Seminar am medbo Bezirksklinikum stärken Mitarbeitende ihre Dialektkompetenz: Sie lernen Bairisch zu verstehen, Missverständnisse zu vermeiden und sicherer mit Patientinnen und Patienten zu kommunizieren.

Mei, du Depp – was in anderen Regionen nach handfester Beleidigung klingt, ist in Bayern oft ein Ausdruck von Zuneigung. Wer neu in der Oberpfalz ist, muss solche Zwischentöne erst einmal einordnen. Genau hier setzt ein neues Fortbildungsangebot am medbo Bezirksklinikum Regensburg an: Ein Bairischkurs, der Mitarbeitenden hilft, im Alltag und vor allem im Patientenkontakt sicherer zu werden. Das Angebot wird von vielen Mitarbeitenden im Integrationsprozess genutzt, aber auch von Kolleginnen und Kollegen aus Bayern sowie Mitarbeitenden, die aus anderen Bundesländern nach Bayern gezogen sind.

Hochdeutsch gelernt. Und dann: Bayern

Die Idee zu diesem Seminar hatten Carina Borutta und Pia Kerl vom hauseigenen Kompetenzzentrum für Sprache und Integration (KoSI). Sie unterstützen Kolleginnen und Kollegen beim Ankommen in Deutschland und in der medbo. Von Deutschkursen, Behördengängen bis zur 1:1-Betreuung. Dabei fiel ihnen im Austausch mit den Mitarbeitenden eine Lücke auf, die viele Zugewanderte überrascht: Zwischen dem erlernten Hochdeutsch und der Sprache, die auf Station tatsächlich gesprochen wird, liegen oft Welten. „Wer nach Deutschland kommt, kommt bei uns eben nicht nur nach Deutschland, sondern nach Bayern und nach Regensburg“, bringt es Borutta auf den Punkt. Dieser Kurs helfe beim Ankommen und Heimisch werden und vor allem im Patientenkontakt, ergänzt Kerl.

Dialekt des offenen Mundes: So funktioniert Bairisch

Im Kurs geht es nicht nur um einzelne Wörter, sondern auch um Muster. Bairisch sei ein „Dialekt des offenen Mundes“, erklärt Carina Borutta: Endungen fallen weg, Wörter werden verkürzt, Vokale verändert: aus Kartoffel („Erdapfel“) wird „Erpfa“, aus „oben“ wird „om“. Wer diese Logik erkennt, versteht schneller, was gemeint ist. „Wir neigen dazu, einsilbig zu sein, sowohl im Umfang als auch bei den Wörtern und Silben, die wir aussprechen,“ lacht sie.

Die Kunst des liebevollen Grantelns

Ein zentrales Element des Seminars ist ein Manuskript, ein Spickzettel, auf dem bairische Begriffe aus der Anatomie erklärt werden und Aspekte des Wohl- und Unwohlbefindens ausformuliert und ins Hochdeutsche übertragen sind. Doch Borutta und Kerl geht es um mehr als Übersetzung: Bairisch gehört zur hiesigen Kultur. „Wir wollen zeigen: Bairisch ist nicht nur Wortschatz. Es ist auch eine Art zu kommunizieren“, sagt Borutta, und ergänzt lachend: „und in Bayern gehört es manchmal sogar dazu, dass man sich liebevoll ‚angrantelt‘“. Entscheidend sei, dass „man sich versteht und weiß was damit gemeint ist“ fügt ihre Kollegin Kerl hinzu.

Wenn „gleich“ nicht gleich „gleich“ ist

Es geht viel um Alltagssprache und die Bedeutung einzelner Begriffe. Was heißt nochmal „hoch“ und was „runter“, soll ich „affe“ oder „obe“ gehen? Oder wenn die bayrische Kollegin sagt „Mach das doch gleich“: Im Hochdeutschen ist das eine Aufforderung, etwas bald oder später zu erledigen. Im Bairischen bedeutet es: sofort, direkt, pronto. Ein klassisches Missverständnis, das im Team zu großer Unzufriedenheit führen kann.

Vor allem ältere Patientinnen und Patienten sprechen häufig Dialekt. Wenn man sich missversteht, kann das schnell schiefgehen. Parisa Jelvani, Assistenzärztin und gebürtige Iranerin, kennt das gut. Sie ist seit 14 Monaten in Deutschland und seit vier Monaten bei der medbo, als sie den Kurs besucht. Trotz sehr guter Sprachkenntnisse war der Patientenkontakt anfangs schwierig, denn „in der Psychiatrie ist Sprache am wichtigsten“, sagt sie. Man spreche ständig mit Patientinnen und Patienten und müsse sie wirklich gut verstehen.

„Mein Herz ist voll“: Gefühle in zwei Sprachen

Wie stark Bedeutungen kulturell geprägt sind, zeigt eine Redewendung besonders eindrücklich: „As Herz is voll“ heißt in Bayern „Ich bin sehr glücklich“. In anderen Sprachen steht dieselbe Formulierung eher für Kummer oder den Wunsch sich etwas von der Seele zu reden, berichten zwei Teilnehmerinnen aus arabischsprachigen Ländern. Für die Arbeit in der Psychiatrie ist es deshalb besonders wichtig, häufig genutzte Redewendungen zu verstehen.

Und manchmal ist Dialekt sogar sicherheitsrelevant. Wenn eine Patientin sagt: „Etz wiads Zeit, dass er mi bald holt“, ist „Er“ nicht der Taxifahrer, sondern niemand Geringerer als Gott. Die Patientin drückt mit der Redewendung ihre Todessehnsucht aus. Auch bei körperlichen Beschwerden lohnt sich das Nachfragen: Das „Bein“ kann „Haxn“ oder auch „Fiaß“ heißen, selten sind wirklich die Füße gemeint. Deshalb der Tipp: Wenn „die Fiaß brenna“, ist es klug, sich die schmerzende Stelle zeigen zu lassen.

Vom Verstehen zum Sprechen

Dass Dialekt auch für Einheimische ein Thema sein kann, zeigt Christian K., Fachpfleger und „typischer Bayer“ aus dem Fichtelgebirge. Er besucht den Kurs aus Interesse, und wegen einer Erfahrung aus seinem Berufsstart: Damals bat ihn ein Oberarzt, sich „gewählter“ auszudrücken, damit man ihn besser verstehe. Kurz darauf fragte ihn ein Patient aus dem Nachbardorf, warum er denn „so geschwollen“ rede, ihn verstehe ja keiner. Es gibt viele Sichtweisen auf Dialekt. Der Fachpfleger passt heute die Intensität seines gesprochenen Dialekts an die Herkunft seiner Patientinnen und Patienten an.

Das Angebot kommt gut an: Die Resonanz ist durchweg positiv, und die Teilnehmenden formulieren sogar den Wunsch nach einem Folgeformat mit aktiverem Fokus. Diesem Wunsch wird – bairisch gesagt: „gleich“ – entsprochen: Ab Herbst startet ein Konversationskurs, in dem typische Gesprächssituationen mit Patientinnen und Patienten praxisnah simuliert werden. Und nach seinem Lieblingswort gefragt, antwortet Christian K. mit einem Klassiker, der fast immer taugt: „Bassd scho.“

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Text und Fotos: © medbo KU | K. Tenberge-Holzer

Mini-Lexikon: Bairisch im Krankenhaus

BairischHochdeutsch / Hinweis
Haxn / FiaßBein
FiaßFuß (oft im Sinn von Kälte/Wärme spüren)
Wampn / RanznBauch
Gurgel / GnackHals / Nacken
SchädlKopf
GniaKnie
BoandlKnochen
Ohrwatschl / Luser / WatschlnOhren
druggane GurglDurst / trockener Hals („i hob a druggane Gurgl.“)
DurschtDurst (I hätt an Durscht…)
speib’nerbrechen (i könnt glei speib’n.“)
I bin ganz damisch. Mir ist schwindlig / benommen.
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