Und was ist mit mir?

Kinder und Jugendliche mit psychisch erkrankten Eltern haben Fragen und spezielle Bedürfnisse.

Mama liegt nur noch im Bett. Papa trinkt zu viel. Und Oma vergisst alles. Ist ein Familienmitglied von einer psychischen Erkrankung betroffen, leidet das ganze Familiensystem. Besonders die Kinder – von den ganz Kleinen bis zu den Volljährigen – sind verunsichert.

Felix hat ein Bild gemalt. „Das ist meine Mama vor ihrem Lichtfernseher“, erklärt der Siebenjährige. Der habe ihn bei seinem letzten Besuch im Zentrum für Psychiatrie in Cham nachhaltig beeindruckt, sagt seine Mutter Sabine. Die junge Frau ist dort seit zehn Tagen wegen einer schweren Depression in stationärer Behandlung. Speziell die Lichttherapie ist eines der Angebote, die sie gerne nutzt. Klar wollte Felix auch vor dem „Lichtfernseher“ sitzen und ausprobieren, wie sich das anfühlt. Toll findet er auch, dass Sabine im Krankenhaus Tischtennis mit ihm spielt und ihm in der Ergotherapie gerade einen Lenkdrachen bastelt. „Zuhause hat sie immer nur im Bett gelegen“, erzählt Felix und man ahnt, wie verunsichert der Kleine noch immer ist.

Ich bin nicht schuld

Es war sein erster Besuch bei Mama im Krankenhaus. „Das ist schon blöd, weil sie nicht bei mir daheim ist“. Felix vermisst seine Mutter sehr. Aber sein Vater wird ihn jetzt häufiger mitnehmen, wenn er Sabine im Krankenhaus besucht. Und Felix weiß jetzt auch, dass sie nicht einfach traurig ist oder müde, sondern echt krank. Stationsleiterin Sonja Ullmann nimmt sich gerne der jungen Familienmitglieder an, wenn diese Fragen haben. „Und gerade die jüngeren Kinder glauben oft, sie seien mit Schuld, dass ein Elternteil krank und bei uns stationär ist“, erklärt die erfahrene Pflegefachkraft. Man könne aber schon den ganz Kleinen erklären, was mit dem Elternteil los ist und was es heißt, psychisch krank zu sein. Psychoedukation heißt dies im Fachjargon. Sie ist ein Therapiebestandteil für Betroffene, wird aber auch Angehörigen standardmäßig angeboten.

Stummes Leiden

Kinder und Jugendliche leiden häufig „unter dem Radar“ an der familiären Situation. Die Kleinen verstehen nicht, was mit Mama oder Papa los ist. Die erkrankte Mutter oder der betroffene Vater sind in akuten psychischen Krisen oft nicht in der Lage, für ihre Kinder zu sorgen. Der verbleibende andere Elternteil ist doppelt belastet mit Haushalt, Job und Kinderbetreuung. Viele Kinder machen ihren Kummer und ihre Sorgen mit sich selbst aus. Die möglichen Folgen stellen sich langsam und schleichend ein: die Kinder schlafen schlecht, ziehen sich zurück, sind selbst zunehmend psychisch belastet.

„Ja, und dann spüren die Kinder sehr wohl, dass psychische Erkrankungen im wahrsten Sinne des Wortes immer noch etwas Unaussprechliches haben. Sie sind stigmatisiert – man redet nicht darüber. Nicht in der Familie und außerhalb schon gar nicht“, sagt Dr. Cordula Heyne, Leitende Oberärztin am Zentrum für Psychiatrie Cham. Dabei sind psychische Erkrankungen extrem häufig. Etwa jeder vierte bis fünfte Erwachsene leidet wenigstens einmal im Leben an einer behandlungsbedürftigen psychischen Krankheit.

Besuche, die fehlen

Beide Expertinnen – Ärztin und Stationsleiterin – liegt die Angehörigenarbeit im Krankenhaus sehr am Herzen. „Vor Corona hatten wir gerade an den Wochenenden immer einen großen Besucheransturm. Da kamen die Angehörigen, es wurde Kaffee getrunken, miteinander gespielt, spazieren gegangen. Ein paar Stunden beinahe normales und unbeschwertes Familienleben …“, erläutert Sonja Ullmann. Und Dr. Heyne ergänzt: „Oft haben uns Angehörige – gerade auch die Kinder, ganz kleine ebenso wie Teenager – direkt angesprochen und Fragen zur psychischen Erkrankung und zum Klinikalltag gestellt. Wir nehmen uns die Zeit, auch ohne Termin. Und da kann man dann auch mal Ängste und Sorgen anbringen. Das ist völlig in Ordnung.“

Aber während der Pandemie und nun auch nach deren Ende kämen kaum noch Angehörige, geschweige denn Kinder und Jugendliche, in die Klinik.

Da kam eine Idee der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) im Landkreis Cham gerade recht. Die KJF-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche & Eltern machte den Vorschlag, den Kids eine Gelegenheit zu bieten, den Klinikalltag ihrer erkrankten Eltern in der Chamer Erwachsenenpsychiatrie kennenzulernen. Los geht es mit einem ersten Aktionsnachmittag „Kids Time“ am 22. September.

Ich bin (nicht) verantwortlich – oder?

Der Leiter der KJF-Beratungsstelle, Martin Kriekhaus, sorgt sich besonders um ältere Kinder und Teenager. „Sie springen oft ein, wenn Mama oder Papa krankheitsbedingt ausfallen, und übernehmen dann im Familiengefüge Aufgaben von Erwachsenen, für die sie eigentlich noch viel zu jung sind“, so Kriekhaus. Ob sie sich um jüngere Geschwister kümmern, den Haushalt schmeißen oder die starke Schulter für die Eltern sind – die psychische Überforderung ist vorprogrammiert, so Kriekhaus. „Ideal wäre es, wenn die Kids rechtzeitig Hilfe und Begleitung bekommen würden. Dazu müssten sie möglichst frühzeitig an der Beratungsstelle angebunden werden. Gemeinsam mit einer Berater:in kann dann nach Entlastungen im Familienalltag gesucht werden“ sagt Martin Kriekhaus. Dr. Cordula Heyne pflichtet ihm bei: „Viele psychiatrische Störungsbilder nehmen in Kindheit und Jugend ihren Anfang. Allein deswegen müssen wir auf die Kinder psychisch kranker Eltern achtgeben und so früh wie möglich handeln.“

KIDS TIME - JETZT SIND WIR DRAN!

  • Am 22. September 2023 von 14:00 bis etwa 16:00 Uhr
  • August-Holz-Straße 1, (Sana-Krankenhaus, 1. OG)

veranstalten das medbo Zentrum für Psychiatrie Cham und die KJF-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche & Eltern Cham einen „bunten“ Nachmittag für Kinder und Jugendliche mit psychisch erkrankten Eltern. Geboten ist alles, was Spaß macht: Spiele, Sport und Naschereien ebenso wie Infos für Kids. Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung ist nicht nötig.

Mehr Informationen unter www.medbo.de/veranstaltungen