Top Noten, großes Lob von Lehrkräften und Kollegen: Anna Shadrina geht bestens vorbereitet in ihre Examensprüfung im Juli 2026. Ein kleiner Rest Nervosität bleibt für die 27-Jährige, denn für Anna ist das Examen nicht nur ein Abschluss, sondern der nächste Schritt in ein Leben, für das sie sich ganz bewusst entschieden hat. Vor vier Jahren ist die junge Frau von Russland nach Deutschland gezogen, jetzt schließt sie ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau an den medbo Pflegeschulen ab. „Diese Ausbildung war absolut die richtige Entscheidung für mich. Das würde ich immer wieder so machen!“, betont sie. Doch bis dahin musste sie einige Hürden überwinden.
In eine andere Welt
Nach einem Lehramtsstudium für Englisch in Russland arbeitete sie als Dolmetscherin auf Kongressen und lernte dabei ihren späteren Ehemann kennen. Dieser arbeitete ebenfalls als Dolmetscher in Russland, lebte allerdings in Deutschland. Aus der Fernbeziehung wurde eine Ehe und Anna kam im Dezember 2021 nach Regensburg – mit gerade einmal 23 Jahren.
„Schon als Teenager wollte ich eines Tages nach Europa ziehen. Mein Vater ist immer viel mit mir gereist – nach Italien, Deutschland, Österreich – und das war eine andere Welt als die in meiner Heimat. Andere Werte, eine andere Kultur. Ich wollte hier leben.“
Perfekte Maniküre, perfektes Deutsch
Der Neustart in Deutschland ist für sie zunächst mit vielen Fragenzeichen verbunden. Ihr Studium wird nicht anerkannt, beruflich muss sie noch einmal neu anfangen. In Regensburg arbeitet Anna erst einmal in einem Nagelstudio. „Den Menschen in diesem Studio bin ich sehr dankbar. Obwohl ich anfangs nur Englisch sprach, haben sie mich angestellt. Und durch die Arbeit habe ich Deutsch gelernt.“ Die Sprache lerne sie auf diese Weise sogar so gut, dass sie zwischenzeitlich auch für ukrainische Flüchtlinge am Jobcenter Regensburg dolmetscht. Trotz allem Engagement eine unsichere berufliche Perspektive. Eine Kollegin bringt sie auf eine Idee: „Versuch es doch mit einer Ausbildung in der Pflege!“
Der Gedanke lässt sie nicht mehr los. Psychiatrie und Menschen, beides interessiert Anna. Sie befolgt den Tipp ihrer Kollegin und bewirbt sich für eine Pflegeausbildung an den medbo Pflegeschulen. Das erforderliche Sprachniveau erfüllt sie längst, den erforderlichen anerkannten Schulabschluss hat sie auch. Sie bekommt einen Ausbildungsplatz, im September 2021 geht es los.
Herausforderungen und Erfolge
Ihr erster Praxiseinsatz in einem neurologischen Spezialpflegeheim mit vielen Wachkomapatienten verlangt Anna viel ab: Die Nähe zu den Menschen, ihre Geschichten und die körperlichen Anforderungen der Pflege machen ihr deutlich, wie anspruchsvoll der Beruf ist. Doch mit jedem weiteren Einsatz schärft sich ihr Blick auf das, was gute Pflege ausmacht: professionelle Abläufe, starke Teams und ein respektvolles Miteinander. „Wahnsinn, wie alle auch in stressigen Situationen zack, zack, zack miteinander kommunizieren. Alles sitzt. Und die Kommunikation zwischen Medizinern und Pflegekräften ist immer respektvoll, immer auf Augenhöhe.“ Sie erlebt viel Wertschätzung bei der medbo. „Wenn ich auf Station einen Vorschlag mache, dann wird der angehört und ernst genommen. Selbst als Azubi.“ Auch der Unterricht an den medbo Pflegeschulen beeindruckt sie. „Pflege ist hier wissenschaftlich fundiert. Die Fachkräfte arbeiten eigenverantwortlich und treffen eigene Entscheidungen.“
Was sie an ihrem Ausbildungsplatz begeistert, ist die Nähe zu den Patientinnen und Patienten. „Es geht um den Menschen, nicht nur um die Behandlung. Die zwischenmenschliche Interaktion – das macht die Arbeit mit psychiatrischen und neurologischen Patientinnen außergewöhnlich.“ Gerade in diesen Begegnungen merkt Anna auch, wie wichtig Sprache im Pflegealltag ist. Dass sie heute nahezu fließend Deutsch spricht, erwähnt sie fast nebenbei. Für sie selbst ist das noch lange kein Grund, zufrieden zu sein. „Wenn ein Patient in der Neurologie zum Beispiel Sprachstörungen hat oder dement ist und dann auch noch Dialekt spricht, ist das schon sehr schwer für mich zu verstehen. Dann fühle ich mich immer ein bisschen doof, weil ich der Person ja Sicherheit vermitteln möchte und nicht bei jedem Wort zehn Mal nachfragen.“ Doch sie lernt täglich mehr Bairisch, denn ihr Partner und eine Klassenkameradin sprechen Dialekt.
Zwischen Heimweh und Zukunftsplänen
Während Anna im Ausbildungsalltag Fuß gefasst hat, bleibt privat eine Lücke. Ihre Familie sieht sie seit Jahren nur über Video-Calls. Eine Einreise nach Russland möchte sie vermeiden, eine umgekehrte Reise nach Deutschland ist aufgrund der aktuellen politischen Umstände quasi unmöglich. Immerhin: Sie trifft ihren Vater, ihre Stiefmutter und ihren kleinen Halbbruder nach langer Zeit bei einem gemeinsamen Urlaub.
Trotzdem richtet sich ihr Blick klar nach vorn. Nach dem Examen möchte Anna auf der neurologischen Intensivstation arbeiten. Und sich weiterqualifizieren, zum Beispiel als Intensiv- und Anästhesiepflegerin oder Praxisanleiterin. Grinsend fügt sie hinzu: „Ich bin ja auch Lehrerin. Das könnte ich dann wieder ausleben.“