Schlafstörungen, Erschöpfung, Grübeln: „Für viele Kinder und Jugendliche mit depressiven Symptomen beginnt Belastung nicht erst am Tag, sondern schon in der Nacht“, sagt Prof. Dr. Stephanie Kandsperger, kommissarische ärztliche Direktorin der medbo Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Genau hier setzt ein neues Forschungsprojekt von der medbo und der Universität Regensburg an - mit der Frage im Mittelpunkt: Lassen sich depressive Symptome durch eine höhere Schlafqualität verringern? Das Forschungsteam hat dafür zudem besondere Unterstützung: „Besonders dankbar sind wir, dass wir mit der Julitta und Richard Müller Stiftung einen stimmigen Kooperationspartner gefunden haben“, betont Kandsperger.
Im Fokus: Routinen, Handy-Nutzung, Mahlzeiten
Das Regensburger Team möchte den Zusammenhang zwischen Depressionen und Schlafqualität mit 48 Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren erforschen. Die jungen Probanden leiden an einer leichten oder mittelgradigen Depression und werden in zwei Gruppen eingeteilt. Eine erhält die übliche Behandlung - die andere bekommt zusätzlich eine gezielte, schlafbezogene Kurzzeitintervention. „Es geht um feste Schlafenszeiten. Um Rituale vor dem Zubettgehen. Um die Frage, was das Handy, helles Licht, späte Mahlzeiten oder ständiges Grübeln mit dem Einschlafen machen“, erklärt Kandsperger. Und es gehe vor allem auch darum, wie Jugendliche und Eltern gemeinsam Routinen entwickeln können, die nicht nur auf dem Papier gut aussehen, sondern im Alltag funktionieren. „Manchmal sind es gerade die scheinbar kleinen Dinge, die einen Unterschied machen“, sagt die Chefärztin. „Ein klarerer Abendablauf. Weniger Unruhe vor dem Schlafengehen. Eine Familie, die dieselbe Richtung verfolgt. Für Jugendliche, die über längere Zeit schlecht schlafen, kann das sehr viel sein.“
68.000 Euro Förderung durch Münchner Stiftung
Das Projekt wird finanziell von der Julitta und Richard Müller Stiftung unterstützt. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, medizinische Forschung insbesondere im Bereich schwerer Krankheiten genauso wie gemeinnützige Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu fördern. Das Regensburger Projekt erhält 68.000 Euro. Dr. Robert Eirich, Vorstand der Stiftung: „Uns hat an diesem Projekt überzeugt, dass es eine präzise klinische Fragestellung mit einem Thema verbindet, das viele Familien unmittelbar betrifft. Schlechter Schlaf wird oft unterschätzt. Wenn Forschung dort ansetzt, wo Belastung im Alltag von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien konkret spürbar wird, kann daraus ein echter Erkenntnisgewinn für die Behandlung entstehen.“
Nächte, die den Tag mitprägen
Vor allem die klinische Erfahrung am medbo Bezirksklinikum zeige deutlich: Schlafprobleme gehören bei jungen Menschen mit depressiver Belastung häufig zum Beschwerdebild. Sie verstärken Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme und sozialen Rückzug – und erschweren den Alltag in Schule, Familie und Freizeit. Für Prof. Kandsperger und ihr Forschungsteam liegt darin ein entscheidender therapeutischer Ansatz: „Viele Kinder und Jugendliche berichten zunächst nicht über Depression, sondern über Schlaflosigkeit, Erschöpfung und das Gefühl, morgens nicht mehr in den Tag zu kommen. Wenn wir diesen Bereich gezielt untersuchen, nehmen wir einen Faktor in den Blick, der für den Krankheitsverlauf eine große Rolle spielen kann.“
Forschung aus dem Klinikalltag
Dass dieses Thema in Regensburg nun auch wissenschaftlich bearbeitet wird, ist eng mit dem Profil des Standorts verbunden. Die Kooperation von medbo und Universität Regensburg im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie besteht seit 2018. Die Leitfrage des Lehrstuhls lautet ausdrücklich, wie sich die Patientenversorgung verbessern lässt. Forschung soll hier nicht losgelöst von der Behandlung laufen, sondern aus konkreten Fragen der Versorgung entstehen. Prof. Romuald Brunner ist Lehrstuhlinhaber und war zudem viele Jahre in der klinischen Versorgung tätig – zuletzt als ärztlicher Direktor der medbo-KJP. Er weiß daher aus Erfahrung: „Schlafstörungen sind bei depressiv belasteten Kindern und Jugendlichen kein Randthema. Sie gehören oft zum Kern der Problematik. Wenn wir besser verstehen, wie sich dieser Bereich therapeutisch beeinflussen lässt, kann das auch für die Behandlung insgesamt relevant sein.“
Eltern sitzen mit am Tisch
Ein besonders zentraler Ansatz des Projektes ist es, erstmals die Eltern systematisch mit einzubeziehen. Schlafprobleme eines Jugendlichen würden selten nur den Jugendlichen selbst betreffen. Wenn Nächte unruhig werden, werde oft die ganze Familie mit unruhig. Eltern schlafen selbst schlechter, machen sich Sorgen, reagieren erschöpft oder angespannt – und geraten dadurch mit in den Kreislauf hinein. „Jugendliche schlafen nicht im luftleeren Raum“, gibt Prof. Romuald Brunner zu Bedenken. „Sie schlafen in Familien, in Routinen, in Belastungen, manchmal auch in Dauerstress. Deshalb ist es folgerichtig, die Eltern nicht nur mitzudenken, sondern einzubeziehen.“
„Wir wollen aber nicht bloß erklären, dass Schlaf wichtig ist. Das wissen die meisten Familien längst. Entscheidend ist, wie daraus ein Alltag wird, der Jugendliche tatsächlich entlastet.“ Was hilft zuhause wirklich? Welche Routinen sind realistisch? Wo liegt Stress? Was lässt sich verändern, ohne gleich das ganze Familienleben umzubauen? Die Forscher wollen künftig konkrete Antworten ermöglichen, die auf neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.