Früh hinschauen, früh helfen

Interdisziplinärer Fachtag der medbo in Weiden bündelt Expertise zu frühkindlichen Regulationsstörungen – und setzt ein regionales Signal für frühe, niedrigschwellige Unterstützung 

Wenn ein Säugling stundenlang schreit, wenn Schlaf nicht mehr gelingt oder Essen zur täglichen Kraftprobe wird, geraten Familien schnell an Grenzen. In der Max‑Reger‑Halle in Weiden stellen die Medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz (medbo) das Thema Regulationsstörungen in den Mittelbpunkt. Organisator Dr. Christian Rexroth (Ärztlicher Direktor der medbo Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Amberg | Cham | Weiden) hat dazu Fachkräfte und Ehrenamtliche an einen Tisch geholt. Die Fachkräfte kommen aus der Medizin (Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendmedizin, Psychiatrie und Psychotherapie, Frauenheilkunde und Geburtshilfe), den Frühen Hilfen, der Kinder- und Jugendhilfe, Erziehungsberatung und Frühpädagogik sowie aus Fachverbänden. Der interdisziplinäre Fachtag liefert wissenschaftliche Impulse – und vor allem etwas, das im Alltag zählt: kurze Wege, klare Schnittstellen, verlässliche Ansprechpartner.

Statistisch 8.000 Kinder in der Oberpfalz betroffen
In der Oberpfalz leben aktuell rund 40.000 Säuglinge und Kleinkinder im Alter von bis zu 3 Jahren. Sie befinden sich in einer besonders sensiblen Lebensphase, in der Co‑Regulation, Bindung und frühe Unterstützung entscheidend sind. Studien zeigen: bis zu 20 Prozent der gesunden Kinder zeigen in den ersten Lebensjahren Regulationsauffälligkeiten. „Rechnerisch kann das in der Oberpfalz bis zu rund 8.000 Kinder betreffen“, sagt Franz Löffler. Für den Bezirkstagspräsidenten der Oberpfalz steht damit fest: Das ist keine Randgruppe, sondern ein breites Versorgungsthema. „Die Warnmeldung ‚Batterie schwach‘ kennt jeder. Bei Regulationsstörungen ist die Lösung aber nicht so einfach, wie beim Handy. Wenn Familien über Tage und Wochen nur noch auf Reserve laufen, lädt der Akku bei den Eltern genauso wie den Kindern nicht mehr nach. Dann braucht es Hilfe, bevor es zur Dauerkrise wird und sich bei den Kindern psychische Belastungen einstellen.“ Als Träger der medbo habe der Bezirk Oberpfalz ein klares Interesse daran, dass Unterstützung früh greift: „Wir wollen, dass Betroffene schnell bei der richtigen Stelle ankommen – ohne Umwege, ohne Zeitverlust und ohne Vorbehalte oder gar Scham.“

Frühe Jahre, große Wirkung
Regulationsstörungen zeigen sich häufig über exzessives Schreien, Schlafprobleme oder anhaltende Schwierigkeiten beim Essen. Fachleute sprechen von einem Zusammenspiel aus kindlicher Reifung, elterlicher Co‑Regulation und belastenden Rahmenbedingungen. Genau deshalb setzt der Fachtag nicht auf eindimensionale Antworten. Er führt Perspektiven zusammen, die im Alltag oft parallel laufen – und macht daraus eine gemeinsame Linie: Was brauchen Familien, damit aus Überforderung keine Krise wird?

Den Einstieg in die fachliche Diskussion liefert Prof. Dr. Sabine Walper mit der Leopoldina‑Stellungnahme „Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen stärken“ aus dem Jahr 2024. Die Präsidentin der Deutschen Liga für das Kind war auch Partnerin der Leopoldina und an der Umsetzung der Stellungnahme beteiligt. Ihre zentrale Botschaft trifft den Kern des Tages: Selbstregulation entsteht nicht später „im Klassenzimmer“, sondern in frühen Beziehungen – und sie entscheidet mit darüber, wie Kinder Stress bewältigen, lernen, gesund bleiben und soziale Bindungen tragen. Dr. Simon Meier (Beratungsstellenleiter der Katholischen Jugendfürsorge KJF, Diözese Regensburg) knüpft daran an und zeigt, wie sehr frühe Bindungserfahrungen langfristig wirken können – als Schutzfaktor, aber auch als Risiko, wenn Belastungen sich über längere Zeit verfestigen. Dr. Julia Berkic vom Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz (IFP) ordnet die Mediennutzung in der frühen Kindheit ein und macht deutlich, warum Familien gerade in einem digitalisierten Alltag Orientierung brauchen, die nicht moralisiert, sondern entlastet. Lisa Bleichner (psychologische Psychotherapeutin Klinikum Nürnberg Süd) stellt Eltern‑Kind‑Behandlung als wirksamen Baustein vor, wenn frühe Interaktionsmuster festfahren und Familien Unterstützung im Beziehungsraum benötigen. Hendrik Karpinski (ehemaliger Chefarzt Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Klinikum Niederlausitz) bringt schließlich die Perspektive aus der Pädiatrie und ganz besonders aus dem „Netzwerk gesunde Kinder“ ein und wirbt für Ansätze, die Beziehung als medizinisch relevante Ressource ernst nehmen.

Löffler: „Ein Standort allein macht noch kein Netz“
„Wir eröffnen Strukturen – aber wir müssen sie auch verbinden“, sagt Löffler mit Blick auf die Versorgung in der nördlichen Oberpfalz. Dass wohnortnahe Hilfe konkret wächst, zeigt auch ein aktueller Schritt in Weiden: Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der medbo vor Ort ist erst vor wenigen Monaten an den Start gegangen. Für Löffler ist das ein Signal: Versorgung soll dort wirken, wo Familien leben. Gleichzeitig betont er, was viele im Saal aus eigener Erfahrung kennen: Ein Standort hilft nur dann schnell, wenn das Netzwerk trägt und Übergänge funktionieren – von der Geburtshilfe zur Pädiatrie, von der Frühen Hilfe zur Beratung, von der Jugendhilfe zur spezialisierten kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung.

Rexroth: „Betrifft das ganze Familiensystem“
Dr. Christian Rexroth, Ärztlicher Direktor der medbo Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Amberg | Cham | Weiden und organisatorischer Kopf des Fachtags, bringt die Zielrichtung auf den Punkt: „Regulationsstörungen sind selten ein Problem ‘nur’ des Kindes. Sie betreffen das ganze Familiensystem. Umso wichtiger ist, dass wir Belastungen früh erkennen und Familien zeitnah unterstützen – und dass wir als Professionen so zusammenarbeiten, dass Familien Hilfe nicht suchen müssen, sondern die Hilfe bei den Familien ankommt und dass die Familien das Gefühl haben, dass sie mit ihren Belastungen ankommen und ihnen geholfen wird.“

„Modellregion Oberpfalz“
Der Fachtag ist zugleich Auftakt für eine Idee, die Dr. Rexroth als Landesarzt für geistig und seelisch behinderte Kinder in der Oberpfalz vorantreibt, und die in der Region ankommen und wachsen soll: Die Oberpfalz als Modellregion für ganz frühe, niedrigschwellige Unterstützung junger Familien. Im Kern steht ein Ansatz, der Versorgung ergänzt, ohne Fachlichkeit zu ersetzen: geschulte Ehrenamtliche, auch Seniorinnen und Senioren, die als Patinnen und Paten Familien rund um Schwangerschaft und Geburt und in den anschließenden frühen Kindheitsjahren begleiten, entlasten und als Lotsen den Weg zu passenden Hilfen ebnen. „Es geht nicht um Ersatz für professionelle Angebote“, sagt Rexroth. „Es geht um eine organisierte Brücke im Alltag und in den bereits bestehenden Netzwerken – und um einen frühen Zugang, der Familien stärkt, bevor Überforderung chronisch wird.“

Die Botschaft des Tages ist damit klar – fachlich und politisch zugleich: Frühkindliche Regulationsprobleme brauchen keine schnellen Etiketten, sondern frühes Erkennen und tragfähige Strukturen für frühe Unterstützung der belasteten Familien. Und tragfähig wird Versorgung dort, wo Menschen sich kennen, einander erreichen und Übergänge verlässlich gestalten.