Erste-(Seelen)-Hilfe durch Angehörige: „Keine Therapeuten, sondern Vertraute“

Der Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, Ministerialdirektor Dr. Winfried Brechmann, informierte sich am 26. Oktober 2023 im medbo Bezirksklinikum über das Projekt „Hilfe in seelischer Not“.

Regensburg, den 26.10.2023 „Wir sprechen heute wieder über ein echtes Stück Oberpfälzer Innovation“, freut sich Dr. Dr. Helmut Hausner, „ein Projekt, das größtes Potenzial hat, die psychiatrische Versorgungsstruktur auf neue und zukunftsträchtige Weise zu bereichern - und für mich noch viel wichtiger: ein Projekt, das allen Menschen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, ein noch stärkeres Unterstützungsnetzwerk ermöglicht. Nämlich dadurch, dass ihre Angehörigen befähigt werden, noch früher und tatkräftiger zu helfen.“ Mit diesen Worten begrüßte der medbo-Vorstand am Donnerstagnachmittag (26. Oktober) die Gäste, die der Einladung zur Vorstellung des Projekts „Hilfe in seelischer Not“ - kurz: HSN - ins medbo Bezirksklinikum Regensburg gefolgt waren. Allen voran den Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege (StMGP), Ministerialdirektor Dr. Winfried Brechmann. Das StMGP fördert das HSN-Projekt mit rund 200.000 Euro. Hinter HSN verbirgt sich ein besonders alltagsnahes Erste-Hilfe-Schulungsprogramm für alle Angehörigen, deren Nachbar, Kollege oder Familienmitglied Anzeichen einer psychischen Erkrankung zeigt. Der Amtschef des StMGP sieht in HSN „eine wegweisende Initiative, die zeigt, dass die stärkere Einbindung von Angehörigen und sozialen Netzwerken einen entscheidenden Beitrag zur psychischen Gesundheit leisten kann."

Hohe Fallzahlen, hohe Hemmschwellen
Denn Australien, die USA oder Kanada machen es vor: Dort sind vergleichbare Erste-Hilfe-Programme bereits fester Bestandteil der etablierten Versorgungsstruktur. „In Deutschland sind solche Angebote leider noch viel zu selten“, betont der Amtschef des StMGP und führt weiter aus: „Unser Gemeinsames Ziel ist es, Menschen mit psychischem Hilfebedarf bayernweit bestmöglich zu unterstützen. HSN ist hierbei ein weiterer wichtiger Baustein."

Über 500 Ersthelfer bereits geschult
Genau hier setzt HSN an und vermittelt Handlungsstrategien im Sinne von: Hinsehen, Reden, Netzwerken. Das Schulungskonzept basiert auf dem Prinzip des Blended Learning, also der Kombination von digitalen Lerninhalten und Präsenzschulungen vor Ort. „Viele Menschen sind bereits aufmerksam und würden gerne helfen, wissen aber nicht wie“, erklärt Prof. Berthold Langguth, „diesen Menschen wollen wir einfache, aber wissenschaftlich fundierte und effektive Handlungsstrategien an die Hand geben.“ Der medbo Chefarzt bildet gemeinsam mit dem Leiter des medbo Zentrums für Neuromodulation, Prof. Martin Schecklmann, die HSN-Projektleitung. Zusammen mit den beiden Projektmitarbeiterinnen des Universitätsklinikums Regensburg Marina Scheele und Sandra Appel wurden bereits über 500 Teilnehmer geschult. Davon rund 60 zum Welttag der seelischen Gesundheit - am 10. Oktober 2023 wurde zu einer großen „Schulung für Jedermann“ ins medbo Bezirksklinikum eingeladen. „Außerdem wird unser kleines, aber schlagkräftiges Team durch unseren Kooperationspartner, das Studienzentrum für Jugendarbeit Josefstal, optimal ergänzt“, so Langguth.

StMGP: Projekt besonders niedrigschwellig
Ministerialdirektor Dr. Brechmann informiert sich nicht nur über Inhalte und Methoden der Kurse, die unter anderem Wissen über psychische Erkrankungen, Anzeichen und Symptome, Selbsthilfestrategien und Notfallpläne vermitteln. Er spricht auch mit anwesenden Gästen, die bereits einen HSN-Kurs absolviert haben und von ihren Erfahrungen im Umgang mit psychischen Erkrankungen berichten. Der Amtschef des StMGP zeigt sich beeindruckt vom hohen Engagement der Teilnehmer und lobt das Regensburger Projekt als besonders innovativ und alltagsnah. „Angehörige ersetzen keine professionellen Pfleger oder Helfer. HSN vermittelt ihnen jedoch die Kompetenz, Krisensituationen zu erkennen und zu wissen, wie man in einer Krise reagieren kann. Dabei macht die örtliche und zeitliche Flexibiltät das Projekt besonder niedrigschwellig."

“Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Projekt mit Unterstützung des Bayerischen Gesundheitsministeriums durchführen können. Wir sind überzeugt, dass wir damit einen wichtigen Beitrag zur Prävention und Versorgung psychischer Erkrankungen leisten können und werden”, so Prof. Berthold Langguth.

Grundresilienz und Handlungskompetenz stärken
Zum Abschluss des Treffens betonte Vorstand Hausner die besondere Bedeutung des Projekts im Zusammenhang mit dem gesetzlichen Versorgungsauftrag der medbo Kliniken und Einrichtungen, die an mittlerweile acht Standorten von über 3.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Laufen erhalten werden. “Dabei stehen wir aber auch weiterhin vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen: Zum Beispiel der anhaltenden Stigmatisierung.“ Die Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen, aber auch gegenüber psychiatrischen Kliniken seien auch heute noch weit verbreitet. Viele Menschen ließen sich dadurch davon abhalten, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Es herrscht große Unsicherheit im Umgang mit Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen.“ Hausner sieht es daher als klare Aufgabe der medbo, aufzuklären und die Grundresilienz der Bevölkerung mit entsprechenden Handlungskompetenzen zu fördern. Im Mittelpunkt stehe dabei der Umgang jedes Einzelnen mit psychischen Erkrankungen und Krisen. Dabei sei das HSN-Projekt ein gutes Beispiel dafür, „wie wir mit Innovationsgeist, Tatkraft und Expertenwissen zu guten Lösungsansätzen kommen können“.

Weitere Informationen zum Projekt „Hilfe in seelischer Not“ unter hsn-kurse.de