Er hat selten Aufhebens um sich gemacht – dafür umso mehr um Patientinnen und Patienten, Kolleginnen und Kollegen und um eine Neurologie, die funktioniert, wenn es darauf ankommt. Nach 31 Jahren am medbo Bezirksklinikum Regensburg verabschiedet sich Prof. Berthold Schalke, langjähriger Leitender Oberarzt und ehemaliger stellvertretender Ärztlicher Direktor der Klinik für Neurologie, in den Ruhestand. Am 30. September 2026 würdigen zahlreiche Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter aus Bezirk, medbo und Fachwelt sein Wirken.
Für Bezirkstagspräsident Franz Löffler habe Schalke eine besondere Rolle eingenommen: für eine wohnortnahe, verlässliche neurologische Versorgung – und für eine Medizin, die sich nicht hinter Zuständigkeiten versteckt. „Klinik und Versorgung leben von Menschen, die sich kümmern. Professor Schalke war so jemand – nah am Bett, nah am Team, nah an den Fragen, die im Alltag wirklich zählen“, so Löffler. „Die Menschen sollen Expertise nicht suchen müssen – sie sollen sie hier in der Region finden. Genau dafür steht die medbo.“
Myasthenie: Von 2 auf 300 Patienten
Ein Schwerpunkt zieht sich durch Schalkes Berufsleben wie ein roter Faden: Myasthenia gravis, eine seltene neuromuskuläre Erkrankung, die Betroffene oft durch lange Diagnosewege und einen zähen Leidensweg führt. Als Schalke 1995 nach Regensburg wechselte, gab es am Standort nach heutigem Wissensstand gerade mal zwei Myasthenie-Patienten. Heute kommen über 300 Patientinnen und Patienten pro Jahr – viele davon überregional – zur Behandlung nach Regensburg. Ein Meilenstein: 2010 wurde das Zentrum als integriertes Myasthenie-Zentrum durch die Deutsche Myasthenie Gesellschaft (DMG) zertifiziert – ein Standard, an dem sich bis heute andere orientieren. 2024 erfolgte die gemeinsame Re-Zertifizierung (medbo/UKR).
„Bei seltenen Erkrankungen entscheidet Erfahrung. Und Erfahrung entsteht nur, wenn jemand Verantwortung übernimmt, dranbleibt und Netzwerke baut“, sagt Franz Löffler. Für ihn ist das Myasthenie-Zentrum ein Beispiel für Versorgung, die nicht ausweicht: „Wer hierherkommt, hat oft schon einen langen Weg hinter sich. In Regensburg bekommen Betroffene Struktur, Expertise und verlässliche Ansprechpartner.“ Auch bei Themen, die in der Versorgung leicht übersehen werden, blieb Schalke für Löffler konsequent: „Gute Medizin fängt dort an, wo man Beschwerden nicht wegschiebt, nur weil sie selten sind.“
Stabilität statt Zufall
Was dieser Anspruch im Klinikalltag bedeutet, zeigt sich aus Sicht von medbo-Vorstand Prof. Thomas Baghai vor allem im Umgang mit Menschen. Im Team, in der Ausbildung, in der täglichen Zusammenarbeit. „Prof. Schalke war für viele Kolleginnen und Kollegen ein Fixpunkt – jemand, der erreichbar war, der Dinge sortiert hat und der Verantwortung im Alltag übernommen und Probleme gelöst hat“, so Baghai. Entscheidend sei dabei nie Lautstärke gewesen, sondern Verlässlichkeit: „Er hat Stabilität in Situationen gebracht, in denen es schnell unübersichtlich wird – und genau das macht ein Haus dauerhaft leistungsfähig.“
Blitzschlag: Diagnostik jenseits des Standards
Schalke prägte neben der Myasthenie auch ein Feld, das selbst in großen Kliniken selten im Alltag auftaucht: Neurologische Blitz- und Starkstromschäden. Ausgehend von einem einzelnen Patientenfall baute er eine Arbeitsgruppe zur Diagnostik und Therapie neurologischer Blitz- und Starkstrom-Schäden auf. In ihrer Forschung zu Blitzverletzungen rückten Schalke und sein Team unter anderem die sogenannten „small fibers“ in den Fokus – besonders feine Nervenfasern, die für Schmerz- und Temperaturempfinden zentral sind. Weil sie so dünn sind, wird ihre Schädigung in Standarduntersuchungen nicht zuverlässig erkannt.
Prof. Dr. Ralf Linker, Ärztlicher Direktor der medbo Klinik für Neurologie, sagt: „Bei solchen Verletzungsmustern entscheidet oft die richtige Frage – nicht der nächste Routinewert. Prof. Schalke habe genau dafür sensibilisiert: Symptome ernst nehmen, sauber einordnen und dann konsequent die passende Diagnostik wählen.“ Für Linker steht zudem fest: „Seine Forschung war nie Selbstzweck. Sie hat geholfen, seltene Beschwerdebilder besser zu verstehen – und daraus konkrete Konsequenzen für Diagnostik und Behandlung abzuleiten.“
Kleine Fasern, große Relevanz
Gerade bei den small fibers sei das entscheidend: „Wenn Standardverfahren an Grenzen stoßen, braucht es saubere Studien, präzise Methodik und klinische Erfahrung – und genau diese Verbindung hat er immer gesucht.“ Mit Blick auf die Entwicklung neuer technischer Anwendungen sagt Linker: „Das Thema ist heute aktueller, als viele denken.“ Starkstrom und Gleichstrom spielen im Alltag eine größere Rolle – zum Beispiel bei Solaranlagen und in der Elektromobilität. „Und damit wächst auch der Bedarf, neurologische Folgen von Unfällen besser zu verstehen und strukturiert zu behandeln“, so Linker.
„Sie stören doch schon!“
Für sein Team war Schalke da: mit einem feinen Gespür für Stimmungen, mit einem offenen Ohr – und ganz praktisch auch mit Gummibärchen-Nachschub in der Notfallbox der Leitstelle, „damit in Stressphasen niemand unterzuckert“, so sein Tenor. Sein kleiner Spielzeugkoffer mit Reflexhämmern und Instrumenten wurde dabei sein humorvolles Markenzeichen: Wenn der Koffer da ist, ist Schalke da. Auch sein Humor ist bei den Kollegen sprichwörtlich. Auf „Darf ich kurz stören?“ folgte nicht selten ein knapper Satz: „Sie stören doch schon!“, trocken, direkt, und im Kollegium längst ein Klassiker.
Erklärstunde: „Keine Show, sondern Handwerk!“
Neben Versorgung und Forschung setzte Schalke konsequent auf Nachwuchs und Ausbildung. Er prägte ein Lehrprinzip, das Lehre planbar machte: nicht „nebenbei“, sondern strukturiert, im Team aus Oberarzt und Assistenz, mit Freistellung von Stationsarbeit. Dazu gehörten auch zusätzliche Lehrformate wie die „Blaue Stunde“ – eine wiederkehrende Erklärstunde für Famulantinnen und Famulanten am Nachmittag. „Das war keine Show, sondern echtes Handwerk“, betont Prof. Ralf Linker, „Fälle erklären, Denkwege offenlegen, klinische Entscheidungen begründen. So entsteht Sicherheit bei den Jüngeren – und Qualität im Alltag.“